Rund 3000 Menschen arbeiteten täglich direkt hinter der saarländischen Grenze in der französischen Grube Vouters, als diese vor genau 50 Jahren Ort eines tödlichen Unglücks wurde. Ein ehemaliger Mitarbeiter erinnert sich.
Freyming-Merlebach · Rund 3000 Menschen arbeiteten täglich direkt hinter der saarländischen Grenze in der französischen Grube Vouters, als diese vor genau 50 Jahren Ort eines tödlichen Unglücks wurde. Ein ehemaliger Mitarbeiter erinnert sich.
30.09.2026 , 08:00 Uhr
Gilbert Ittel (links) und Patrick Neu vor der Stele, die am Unglück vom 30. September 1976 erinnert.
Foto: Hélène MaillassonUnter Tage in der Grube Vouters hatte der Tag bereits schlecht begonnen. An diesem Donnerstag, dem 30. September 1976, brach gegen 10 Uhr in einer der unterirdischen Galerien ein Brand aus. „Die Männer, die an der Stelle im Einsatz waren, versuchten sofort, das Feuer zu löschen“, erzählt Patrick Neu, Vorsitzender des Verbands der Berg- und Hüttenarbeitervereine im Département Moselle. Doch ihre Mühe war vergeblich, und so wurde entschieden, den betroffenen Abschnitt mit einem Gemisch aus Sand und Wasser zu verfüllen. Dafür wurde das Team der Zentralen Rettungsstelle (PCS) herbeigerufen – zu der gehörte Gilbert Ittel, damals 27 Jahre alt.
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„Wir waren wie Feuerwehrmänner ausgebildet und rückten genau für solche Einsätze aus. Unter Tage zählt jede Minute, damit das Feuer eingedämmt wird und sich nicht auf alle Galerien ausbreitet“, erzählt Ittel. Solche PCS gab es zu diesem Zeitpunkt an allen größeren Gruben. Aus früheren Unglücken hatten die Betreiber gelernt, dass spezialisierte Rettungskräfte nötig waren, um Schlimmeres zu verhindern. Seit Ende der 1960er Jahre setzten sie diese Erkenntnis in Lothringen systematisch um. Die PCS waren rund um die Uhr besetzt. Ittel arbeitete meistens in der Mittagsschicht. An diesem Tag rettete ihm das wohl das Leben. Das wird ihm am Abend bewusst. Doch zunächst heißt es, ab zum Einsatz.
„Dass es sich um einen besonders heftigen Brand und einen schwierigen Einsatz handeln würde, habe ich gemerkt, als die Schicht vor uns da rauskam“, sagt er. Zu ihr gehörte unter anderem sein Schwager Patrick. „Er ging völlig fertig da raus, ich ging hinein. Ich hatte schon ein mulmiges Gefühl“, sagt Ittel.
Ausgerüstet waren die PCS-Mitarbeiter mit Sauerstoffflaschen und Masken. „Gesehen hat man wegen des Rauchs kaum was. Ich konnte nicht sagen, wie es 100 Meter vor mir aussah. Als ich runterging, hatte ich weiche Knie und habe nur gezittert“, erinnert er sich. Jedes Team bestand aus Rettungskräften, Grubenarbeitern zur Unterstützung und einem Ingenieur. „Wir liefen in Gänsemarsch. Dabei wurden ständig Messungen vorgenommen, um schnellstmöglich wieder rausgehen zu können, falls die Werte zu hoch werden und eine Explosion droht“, beschreibt er den Einsatz.
Maximal zwei Stunden können Ittel und seine Kollegen am Stück arbeiten. „Solange reicht die Sauerstoffflasche. Danach wurden wir vom nächsten Team abgelöst“, sagt er. Und so kam er an diesem Donnerstag am frühen Nachmittag wieder nach oben. Diejenigen, die später im Einsatz waren, hatten dieses Glück nicht. Um 18.30 Uhr kam der Knall. Was die Explosion tatsächlich ausgelöst hat, steht bis heute nicht zu 100 Prozent fest. „Ich denke, dass es eine Kohlenstaubexplosion war“, meint Ittel. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich 16 Männer am Unfallort. Für sie war keine Rettung mehr möglich. Durch die Explosion war die Unglücksstelle vollständig unzugänglich geworden. Um den Brand unter Kontrolle zu bringen, blieb nur eine Möglichkeit: den betroffenen Grubenbereich durch dichte Absperrungen vollständig abzuriegeln und anschließend zu verfüllen.
„Der Gedanke daran ist so schrecklich. Sie waren gefangen, man konnte nichts mehr für sie tun“, sagt Ittel. Unter den Verstorbenen war sein Freund Dante Sarli. „Wir waren oft im gleichen Team eingesetzt. Wäre das an diesem Tag der Fall gewesen, wäre ich nicht mehr da.“ Unter den Opfern waren auch Rettungskräfte aus den Nachbarkommunen Folschviller und Faulquemont, die zur Unterstützung angerückt waren. Die Leichen der Opfer konnten nie geborgen werden.
Die ganze Region steht unter Schock. „Sie müssen sich das vorstellen. Rund 3000 Menschen haben täglich in Vouters gearbeitet. Und damals wurden Nachrichten nicht wie heute in Sekundenschnelle per Handy weitergegeben“, erklärt Patrick Neu. Hunderte von Angehörigen warteten vor der Grube, um zu erfahren, was geschehen war, und bangten um ihre Ehemänner, Brüder, Söhne und Freunden. „Die ganze Bergbau-Familie war bis ins Mark getroffen“, sagt Neu. Jedes Jahr und auch am heutigen Tag, 50 Jahren nach der Katastrophe von Merlebach, kommt die Bergbaufamilie wieder zusammen, um an der Erinnerungsstele an der Unglücksstelle ihren verstorbenen Mitgliedern zu gedenken. (jos)
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