Täter suchen online gezielt den Kontakt zu Kindern. Wie sie vorgehen, warum viele Opfer schweigen und wie Eltern vorbeugen können.
Täter suchen online gezielt den Kontakt zu Kindern. Wie sie vorgehen, warum viele Opfer schweigen und wie Eltern vorbeugen können.
Ihr Kind sitzt auf dem Sofa, tippt auf dem Smartphone und lächelt über eine Nachricht. Vielleicht schreibt ein Klassenkamerad, vielleicht aber auch jemand, der sich gezielt das Vertrauen eines Kindes erschleichen will. Genau das meint der Begriff Cybergrooming. Dabei nehmen Erwachsene oder Jugendliche über das Internet Kontakt zu Kindern auf, um sexuelle Kontakte anzubahnen. Das ist nach Paragraf 176b des Strafgesetzbuchs strafbar, und seit 2021 gilt das sogar dann, wenn das vermeintliche Kind in Wahrheit keines ist, weil etwa ein Ermittler mitschreibt.
In dieser Woche beschäftigt Cybergrooming auch die Politik. Ermittler fordern neue digitale Befugnisse, damit sie Täter schneller finden, und soziale Netzwerke sollen stärker in die Pflicht genommen werden, ihre Angebote sicherer zu machen.
Prof. Dr. Dennis-Kenji Kipker forscht und berät als Direktor des cyberintelligence.institute international zu Cybersicherheit, digitaler Resilienz sowie IT-Recht in China und den USA. Er ist Teil unseres Expertennetzwerks EXPERTS Circle.
Das Bild vom unheimlichen Fremden aus dem Internet greift zu kurz, wenn man einen näheren Blick auf das Phänomen Cybergrooming wirft: Zwar sind fast alle Täter sind Männer, doch 41 Prozent von ihnen sind selbst noch Jugendliche und im Schnitt etwa 15 Jahre alt. Die übrigen 58 Prozent sind Erwachsene mit einem Durchschnittsalter von 30 Jahren.
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Viele führen ein unauffälliges Leben, denn 38 Prozent der Erwachsenen wohnen noch bei ihren Eltern, und mehr als jeder Fünfte hat eigene Kinder. Jugendliche nennen als Motiv häufiger Langeweile, Erwachsene eher sexuelles Interesse oder eine Lebenskrise.
In drei von vier Fällen kennen sich Täter und Kind vorher nicht. Der Erstkontakt läuft meist über Messenger und soziale Netzwerke, in den untersuchten Akten vor allem über WhatsApp und Instagram, aber auch Spieleplattformen spielen eine Rolle.
Anschließend schmeicheln die Täter, zeigen Interesse, tauschen scheinbar Persönliches aus und lenken das Gespräch Schritt für Schritt in intime Bereiche, was in mehr als einem Viertel der nachvollziehbaren Fälle schon am ersten Tag geschieht.
Viele Täter geben sich jünger aus, locken mit Geld oder Gaming-Gutscheinen und schlagen in jedem dritten Fall einen Wechsel zu einem verschlüsselten Messenger vor. Wehrt sich das Kind, drohen manche damit, zuvor verschickte Bilder zu veröffentlichen.
Die Kinder in den Akten sind zwischen acht und 13 Jahre alt, im Durchschnitt knapp zwölf, und vier von fünf sind Mädchen.
Als wichtigsten Risikofaktor für Cybergrooming nennt die BKA-Studie ein fehlendes Risikobewusstsein, etwa wenn Freundschaftsanfragen von Fremden angenommen oder echte Namen im Profil verwendet werden.
Doch das ist nur die Spitze des Eisbergs, denn erfasst wird allein, was der Polizei bekannt wurde. Befragungen deuten sogar darauf hin, dass Jugendliche noch häufiger von Cybergrooming betroffen sind als Kinder. Hinzu kommt die Scham, denn fast die Hälfte der Opfer vertraut sich niemandem an, und nur gut 17 Prozent sprechen mit ihren Eltern.
Wenn Kinder und Jugendliche insbesondere Social Media nutzen, sollten sie wissen, dass ein Profilbild nichts über den Menschen dahinter verrät. Besser ist deshalb ein privates Profil, das weder den vollen Namen, den Herkunftsort, Alter gar den Namen der Schule preisgibt, und digitale Freundschaftsanfragen sollten nur Menschen bekommen, die das Kind auch im echten Leben kennt.
Die Alarmglocken sollten läuten, wenn ein virtueller Gesprächspartner die Preisgabe intimer Geheimnisse verlangt, zu einem anderen Messenger wechseln möchte oder Geschenke verspricht. Dann gilt es, das Gespräch zu beenden, die Person zu blockieren, einen Screenshot zu machen und einem Erwachsenen davon zu erzählen.
Am besten beginnen Sie nicht mit einem Verbot, sondern mit Neugier. Fragen Sie Ihr Kind, welche Spiele und Apps es nutzt und mit wem es dort regelmäßig schreibt, und lassen Sie sich zeigen, wie alles funktioniert.
Auch eine Meldung aus den Nachrichten eignet sich als Einstieg in das Thema. Stellen Sie gemeinsam die Privatsphäre-Einstellungen von Handy, Tablet und Apps ein und versprechen Sie, dass Ihr Kind weder Ärger noch ein Handyverbot fürchten muss, wenn es Ihnen etwas Unangenehmes erzählt, was ihm bei der Nutzung aufgefallen ist.
Wichtig ist auch die Botschaft, dass nie das Kind schuld ist, selbst wenn ein fragwürdiger Kontakt im Netz einmal angebahnt wurde – denn im Zweifelsfall werden die Erziehungsberechtigten dann aus Angst und Scham über den Vorfall nicht informiert.
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