Erstmals in der Geschichte der Gamescom in Köln waren vorab alle Standflächen ausverkauft. Auch Berliner Studios sind dabei. Warum die Videospielmesse in diesem Jahr politisch wird - und warum erstmal kein Umzug in die Hauptstadt ansteht.
Computerspielmesse in Köln Wie Berlin auf der Gamescom mitmischt
Von Magnus von Keil
Die Gamescom ist noch nicht einmal gestartet und knackt schon Rekorde: Zum ersten Mal in der Geschichte der größten Videospielmesse der Welt waren sämtliche Standflächen bereits im Vorfeld ausverkauft. Mehr als 1.600 Aussteller aus aller Welt haben sich angekündigt und zeigen auf aufwendig gestalteten Präsentationsflächen, was wir in den kommenden Monaten spielen werden.
Dafür strömen jedes Jahr Hunderttausende Gaming-Begeisterte zur Kölner Messe. Mitausrichter ist der Verband der deutschen Games-Branche mit Sitz in Berlin. Dessen Geschäftsführer Felix Falk sagt stolz: "Die Gamescom wird international als das größte Event wahrgenommen, bei dem alle dabei sein wollen". Für dieses Jahr hat sich sogar zum ersten Mal der Bundespräsident angekündigt, um den messebegleitenden Fachkongress zu eröffnen.
SOKO 1977: Anti-Terror Task Force ist ein historisch-politisches Deduktionsspiel mit Roguelike-Elementen. (Quelle: bpb)
Frank-Walter Steinmeier ist natürlich nicht der Einzige, der aus der Hauptstadt anreist. Auch Hanna Scheck von Paintbucket Games ist dabei. Erst im Mai hat das kleine Lichtenberger Studio für ihr Spiel "The Darkest Files" beim Deutschen Computerspielpreis die begehrte Trophäe für das "Beste Deutsche Spiel" abgeräumt. Trotzdem pegelt sich das Stress-Level in den letzten Tagen vor Messestart deutlich am oberen Ende des Spektrums ein. "Es ist auf jeden Fall anstrengend, aber genauso belohnend", sagt sie.
Auf der Gamescom wird das Team zum ersten Mal ihr neues Spiel einem breiteren Publikum vorstellen: "SOKO 1977: Anti-Terror Task Force" entsteht in Zusammenarbeit mit der Bundeszentrale für politische Bildung und soll die gesellschaftlichen und politischen Konflikte der 1970er Jahre in Deutschland nachzeichnen. An der Demo-Version werde derzeit noch mit Hochdruck gearbeitet. "Die letzten Änderungen sind schon ziemlich drastisch", sagt Hanna Scheck. "Es wird zum ersten Mal so gespielt werden können und das ist schon aufregend."
Die Indie-Szene boomt: Immer häufiger feiern gerade kleine Spiele große Erfolge. Unabhängige Studios und kleine Teams erreichen inzwischen ein weltweites Publikum – selbst mit schrägen, ungewöhnlichen Spielideen, die im Mainstream gar nicht funktionieren würden. Das Koop-Spiel "Big Walk" beispielsweise wurde von nur vier Personen aus Australien entwickelt und erschien Anfang August. Nach nur sechs Tagen hatte es sich über eine Million Mal verkauft – fast dreimal so viel wie das neue Madonna-Album nach einer Woche. Welche Bedeutung Indie-Spiele für die Branche mittlerweile haben, zeichnet sich auch bei der Gamescom ab: Die Indie-Area ist in diesem Jahr so groß wie nie zuvor.
Die Videospielmesse Gamescom findet vom 26. bis 30. August in der Kölner Messe statt. Die Veranstalter rechnen mit 360.000 Besuchern.
Die "ByteRockers" aus Steglitz haben bereits im letzten Jahr mit ihrem Stand für einen echten Hingucker gesorgt: eine lebensgroße Berliner Bushaltestelle, inklusive überquellender Mülleimer. In diesem Jahr legen sie sogar noch einen drauf: auf 250 Quadratmetern entsteht gleich eine ganze Burg, komplett mit Burgtor, Fahnenstangen und vier Meter hohen Türmen. "Wir haben leider den Hang, es ein bisschen zu übertreiben. Vielleicht ist das so das Berliner Ding", sagt Studiochef Maik Reichelt mit einem Lächeln.
Die Burg bietet Platz für 40 bis 45 Spiele und dient zum einen als Präsentationsfläche für die eigenen Produktionen der "ByteRockers", zum anderen soll eine Art Gemeinschafts-Showcase entstehen: Kleinere Studios können sich in der Burg einmieten, um ihre Spiele vorzustellen. "Wenn du ein kleines Studio bist, das keine großen Events machen kann, dann ist das eine Chance, um Reichweite zu bekommen", sagt Maik Reichelt.
Aufbau der "ByteRockers"-Burg auf der Gamescom. (Quelle: Insomnia Development)
Der Community-Gedanke geht aber noch weit über das reine Spielen hinaus: Von Gamer*innen inszenierte Aktionen wie "Friendly Fire" generieren jährlich Spendengelder in Millionenhöhe für gemeinnützige Zwecke. Initiativen wie "Gaming For Democracy" verstehen Online-Communitys als soziale Räume, in denen Demokratie und gesellschaftliches Engagement gestärkt werden sollen.
Dieses Potenzial habe die Politik bisher unterschätzt. Davon geht die Mehrheit der Befragten einer aktuellen Umfrage aus, die der Verband der deutschen Games-Branche zum Messestart herausgegeben hat [game.de]. Felix Falk freut sich deshalb sehr über den Besuch des Bundespräsidenten. "So kurz vor den Landtagswahlen ist das ganz wichtig", sagt er. "Wir, die Games-Community, stehen für Rechtsstaatlichkeit und demokratische Werte und wollen diese auch gemeinsam schützen."
Einen Umzug der Gamescom nach Berlin, für den SPD-Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey vor einiger Zeit warb, wird es vorerst allerdings nicht geben. Erst kürzlich sei die Partnerschaft mit der Koelnmesse und dem Land NRW verlängert worden, so Falk. Berlin könne dafür andere Potenziale ausschöpfen – wie etwa das House Of Games, das gerade in Friedrichshain entsteht: ein physischer Hub mit Büros, Event- und Ausstellungsflächen. Die Eröffnung soll noch in diesem Jahr stattfinden.
Maik Reichelt freut sich jetzt vor allem auf den Austausch mit Kolleg*innen und anderen Spielebegeisterten in Köln. "Die Leute kommen ja ehrlicherweise nicht mehr zur Gamescom, um nur Spiele zu spielen. Es ist eher ein Festival", sagt er. Und die richtige Vorbereitung ist die halbe Miete für Gamer*innen, sagt Hanna Scheck. Sie rät zu regelmäßigen Pausen und Lutschtabletten aus der Apotheke. "Damit man die Stimme nicht verliert."
Sendung: radioeins vom rbb, 21.08.2026, 9:10 Uhr
Audio: radioeins vom rbb, 21.08.2026, Gespräch mit Magnus von Keil
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