Gazi Senlik ist blind und führt ein Taxiunternehmen mit 30 Mitarbeitern. Seine Geschichte zeigt, wie Selbstständigkeit trotz Behinderung gelingen kann.
Blind, aber mit 30 Mitarbeitern an seiner Seite: Gazi Senlik führt ein Taxiunternehmen und zeigt, warum Selbstständigkeit für ihn keine Grenzen kennt.
Gazi Senlik fährt mit der flachen Hand über die grauen Sitze des Kleinbusses. Keine Krümel. Dann tastet er den Türgriff von innen ab. „Ich mag es nicht, wenn es hier klebt.“ Auch das Handschuhfach ist aufgeräumt. Senlik ist zufrieden. Wäre er es nicht, müsste der Fahrer des Busses in die Waschanlage – einmal Innen- und Außenreinigung.
Senlik kontrolliert seine Fahrzeuge mit den Händen. Sehen kann er sie nicht. Trotzdem führt er ein Taxiunternehmen im westfälischen Ahlen mit 30 Mitarbeitern. In der Zentrale ist vieles automatisiert. „Nur meine Wenigkeit nicht, ich brauche immer einen Menschen bei mir“, sagt der 38-Jährige und lacht.
Senlik und sein Mitarbeiter Mehmet Balci, der Fahrer des Kleinbusses, verlassen den Parkplatz. Balci fasst Senlik am Arm. Schon die Großeltern kannten sich, stammten aus Nachbarstädten in Zentralanatolien. „Er ist wie mein Bruder“, sagt Balci. Beim Zuhören senkt Senlik den Blick, beim Sprechen schaut er auf: „Ich will nicht den Chef spielen, sondern den Motivator.“
Er läuft die Stufen hoch. Wer die Taxizentrale betritt, sieht sofort: Hier wird gearbeitet. Der Raum verströmt hemdsärmeligen NRW-Charme, jedes Möbelstück hat eine andere Holzfarbe. In einer Vitrine liegt der wichtigste Schatz: die Sofortbildkamera seines Großvaters, der 1965 nach Deutschland kam. Auf der Kirmes machte er Fotos und verkaufte sie.
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Ein schmaler grauer Teppich führt auf den Tresen zu. Dahinter sitzt ein Mitarbeiter am Computer. „Er ist meine Augen“, sagt Senlik lachend. An der Wand hängt das Bild eines türkischen Volkssängers samt Zitat auf Türkisch: „Wir hatten nie viel, deswegen werden wir uns auch nie beschweren, wenn es uns schlecht geht.“
Als Senlik ein Kind war, spielte er jeden Tag Fußball. Dreimal die Woche im Verein, sonst auf dem Bolzplatz. Er schaffte es in die Kreisauswahl, war Kapitän und stand am liebsten im Tor. Irgendwann merkte er: Ich kann den Ball nicht mehr sehen.
Sein Sichtfeld wurde immer kleiner. Die Eltern gingen mit ihm zum Arzt. Senlik war 15. Der Arzt sagte: Retinitis Pigmentosa, eine fortschreitende Netzhauterkrankung. Weder heilbar noch aufzuhalten. Senlik wusste von diesem Tag an: Ich werde blind. „In dem Moment sind all meine Träume zerplatzt“, erinnert er sich heute. Er spricht ruhig, gestikuliert wenig. Manchmal stockt er mitten im Satz, aber nur kurz.
Nach dem Schulabschluss beginnt Senlik Ausbildungen in verschiedenen Bereichen. Einzelhandel, Gastronomie, Supermarkt. Alle muss er abbrechen. Seine Sehkraft reicht nicht mehr. „Gott sei Dank bin ich überall gescheitert, sonst wäre ich nicht da, wo ich jetzt bin“, sagt er und schmunzelt.
Sein Vater, ein ehemaliger Bergmann, riet ihm, die Unternehmerprüfung zu machen. Schon früh hat er bemerkt: Gazi kann Menschen motivieren. „Ich dachte: Der spinnt. Ich hätte nie gedacht, dass ich das schaffen könnte.“ Senlik besteht die Prüfung.
Als sich 2011 die Gelegenheit bietet, ein örtliches Taxiunternehmen zu übernehmen, hilft der Vater beim Startkapital. Senlik weiß, worauf er sich einlässt. „Wenn ich in diese Branche gehe, wird es für mich keine Pause geben. Der Betrieb wird 24 Stunden am Tag laufen.“
Bekannt zu sein, Kontakte zu knüpfen, sich in der Stadt zu zeigen: Für Senlik gehört das zum Geschäft. Auch Sportvereine unterstützt er. Fußball- und Handballvereine rufen abends schon mal an. „Bitte holt unsere Fans ab.“ Den wichtigsten Satz hat ihm der ehemalige Chef des Taxiunternehmens mitgegeben. „Als Unternehmer musst du immer etwas unternehmen.“
Senlik tastet sich am Tresen entlang. Die Ecken sind mit einem Kantenschutz ausgestattet. Ein weiterer Teppich weist ihm den Weg zu seinem Schreibtisch. Auf dem schwarzen Tisch stehen ein goldenes Namensschild und ein Foto von Frau und Kindern. Hier führt Senlik Mitarbeitergespräche.
Der Schichtleiter kommt herein und nimmt auf dem Chefsessel Platz. Senlik setzt sich daneben. Es macht mehr Sinn, wenn jemand vor dem Computer sitzt, der ihn auch bedienen kann, sagt er. Er macht alles mit seinem Handy. Zwischendurch klingelt es. Die Sprachausgabe spricht mit einer Geschwindigkeit, die für Durchschnittsohren nicht zu verstehen ist: „ZweineueNachrichtenAlperhatangerufen“.
„Ich habe gemerkt, dass die Leute dachten: Der mit seiner Sehschwäche, der schafft das nicht. Aber niemand hat mir das ins Gesicht gesagt.“ Die ersten Jahre liefen tatsächlich nicht gut. „Ich dachte: Der Kunde ruft an, wir fahren.“ Doch dem war nicht so. Es kamen zu wenig Aufträge rein. Dann begann ein Pflegeheim, die Taxis häufiger zu nutzen: „Ah, so arbeitet man!“, dachte Senlik. „Man braucht Festaufträge.“
Er rief Firmen an, suchte Kooperationen. Pflegeheim, Krankenhaus, Stadt. Patienten wurden nach der Entlassung nach Hause gebracht, Proben ins Labor gefahren, Schulkinder transportiert.
Seit 2019 gilt Senlik als „blind im Sinne des Gesetzes“, ein Gutachter hat das festgestellt. Er hat unter 2 Prozent Sehkraft. Er erkennt noch Konturen und Licht. „Wie Scheuklappen und am Ende ein beschlagener Spiegel mit Flecken“, so beschreibt er das.
Viele Jahre habe er sich geweigert, zum Gutachter zu gehen und Blindengeld zu beantragen. Statt eine Arbeitsassistenz zu nutzen, stellt er einen zweiten Mitarbeiter ein. „Ich wollte den Leuten beweisen: Ich brauche das alles nicht. Ich zeige euch, wie das ohne geht. Ihr werdet es alle sehen.“
Irgendwann ändert er seine Meinung: „Jeder lehnt sich an den Sozialstaat an und kassiert einfach ab. Ich nehme das Blindengeld. Nur das Blindengeld“, schiebt er hinterher. Das sind rund 950 Euro monatlich. Die Assistenz hat er bis heute nicht.
Als Unternehmer findet er die vielen Steuern nervig, wie er sagt, als „Gazi von nebenan“ findet er sie schon richtig. „Das System ist ein Geben und Nehmen. Jeder, der arbeiten möchte, findet auch was. Man sollte sich nicht an den Staat anlehnen. Ich habe mich auch selbstständig gemacht, damit ich nicht einfach sage: Ach, Deutschland zahlt ja schon, ich leg mich einfach hin.“
Draußen, inmitten eines Pulks seiner Mitarbeiter, lässt er sich eine Zigarette anzünden. Sie rauchen zusammen. Stimmen auf Türkisch und Deutsch schwirren durch die Luft. Feierabend. Der Vater von Senlik fährt ihn und seinen jüngeren Bruder Alper zu ihrem Lieblingsplatz: ein Tisch mit zwei Bänken an einer nahe gelegenen Tankstelle. Der Vater bringt Kaffee und Apfelschorle.
Auch Alper ist blind. Beide haben denselben Gendefekt. Als Gazi die Diagnose bekam, war Alper fünf Jahre alt. Er wurde ebenfalls getestet. Er wusste also schon immer, dass er eines Tages erblinden würde.
Alper ist 27 und arbeitet als Teilhabeberater für Menschen mit Behinderung. Er hilft bei Anträgen, Krisen, Pflegestufen. Er engagiert sich in der Selbsthilfe und in der SPD. Beim nächsten Mal soll es mit dem Einzug in den Stadtrat klappen.
Immer dabei: sein Blindenlangstock. „Der Stock bedeutet Unabhängigkeit“, erklärt er. „Ich bin damit selbstständig.“ Gazi widerspricht. „Für mich zeigt der Stock Schwäche.“ Ist geteiltes Leid halbes Leid? „Ja, aber nicht bei uns“, sagt Gazi. „Klar sind wir uns gegenseitig eine Unterstützung. Aber weil das für uns Normalität ist, reden wir nicht die ganze Zeit darüber“, erklärt Alper.
„Wir können alles“, sagt Gazi. „Aber anders“, ergänzt Alper. Manche Menschen seien in dem System gefangen. „Da geht es von der Förderschule direkt in die Werkstätten. Dass es mit der Selbstständigkeit eine Alternative gibt, ist Gazis Message.“
Gazi nickt und lächelt. „Jeder, der mich anspricht, sagt: Du als Nichtsehender hast das erreicht, was wir als Sehende nicht erreicht haben.“ „Ich finde das schon ableistisch (behindertenfeindlich, Anm. d. Red.)!“, sagt Alper. „Eigentlich bist du ein Loser, aber trotzdem hast du es geschafft. Respekt.“ Gazi überlegt: „Stimmt, eigentlich schließen die einen damit aus.“
Mittlerweile, sagt er, fehle ihm das Sehen nicht mehr wirklich. „Ich habe andere Optionen dazugebucht: mein Gehör, mein Gespür für die Aura und die Energie von Menschen.“ Alper lacht. Gazi: „Würden wir nicht darüber lachen, dann würden die Leute Mitleid mit uns haben, und das will ich auf keinen Fall.“
Von Sonja Scheller