Zwei Schwestern verlieren ihre Jobs und gründen einen Vintage-Shop. Das Geschäft hilft ihnen auch bei der Verarbeitung eines schweren Verlusts.
Amanda und ihre Schwester wurden fast gleichzeitig arbeitslos. Statt aufzugeben, machten sie ihre Leidenschaft für Vintage zum Geschäft. Der Neustart hilft ihnen auch, den Verlust ihrer Mutter zu verarbeiten.
Die US-Amerikanerinnen Amanda Leigh Lichtenstein und ihre jüngere Schwester arbeiteten als Autorinnen und Redakteurinnen – bis beide nahezu gleichzeitig ihre Jobs verloren. Amanda Lichtenstein wurde erst entlassen, fand schnell eine neue Stelle – und verlor auch diese nach einem Jahr. Ihre Schwester war wenig später von Massenentlassungen bei einem großen Konzern betroffen. Das berichtet Amanda Lichtenstein in einem Erfahrungsbericht für „Business Insider“.
Sie beschreibt die Entlassungen als eine Erfahrung, die Menschen „durcheinanderbringt und orientierungslos macht“. Plötzlich habe man sehr viel Zeit und wisse nicht, wie man sie sinnvoll nutzen solle. Auch erschien ihnen der Arbeitsmarkt und ihre ursprünglichen Jobs angesichts der rasanten Entwicklung künstlicher Intelligenz immer unsicherer.
Der doppelte Jobverlust traf die Schwestern in einer ohnehin schwierigen Phase: Sie trauerten um ihre Mutter, die kurz zuvor verstorben war, und kümmerten sich um ihren betagten Vater, der noch im Elternhaus in Skokie, einem Vorort von Chicago im US-Bundesstaat Illinois, lebte.
Doch statt zu Hause Trübsal zu blasen, begannen die beiden, die umfangreiche Sammlung von Dingen, die ihnen ihre Mutter hinterlassen hatte, zu durchforsten. Ihre Mutter sei eine leidenschaftliche Sammlerin gewesen und habe ein Auge für schöne und wertvolle Antiquitäten, berichtet Liechtenstein gehabt. Sie habe ihnen beigebracht, wie man zwischen scheinbar wertlosem Kram verborgene Schätze entdeckt, Preise verhandelt und alte Gegenstände wieder herrichtet. Die Schwestern fingen an, auch zu Haushaltsauflösungen, in Secondhand-Läden, Antiquitätengeschäfte und auf Flohmärkte zu gehen.
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2023 gründete Lichtenstein den Etsy-Shop „Travel Far Now Vintage“ und kümmert sich vor allem um Verpackung, Versand und Buchhaltung. Ihre jüngere Schwester habe dagegen ein besonders gutes Auge für ungewöhnliche Vintage-Stücke. Sie erkenne in einem Berg alter Gegenstände genau die Stücke, die sich später gewinnbringend verkaufen lassen.
Für Lichtenstein steckt hinter diesen Käufen mehr als der Wunsch, etwas Gebrauchtes zu besitzen. Sie bezeichnet sich als „memory merchant“ – als Händlerin von Erinnerungen. Denn ein alter Gegenstand könne eine Verbindung zur eigenen Vergangenheit herstellen.
Wenn ein Kunde sie nach einem alten mechanischen Küchentimer der US-amerikanischen Haushaltsgerätemarke Sunbeam fragt, suche er eben nicht einfach nur eine alte Küchenuhr. Vielmehr wolle er eine Verbindung zur Küche seiner Kindheit herstellen. Solche Geschichten berühren Lichtenstein, denn sie bringen sie mit ihren eigenen Erinnerungen in Kontakt und helfen ihr, mit der Vergangenheit umzugehen. Der Vintage-Shop sei deshalb auch eine Hommage an ihre Mutter.
Wenn die Schwestern gemeinsam auf die Suche nach neuen Stücken gehen, hören sie in Gedanken noch ihre Stimme, die sie fragt: „Wisst ihr, was das ist?“ Gemeinsam antworten sie dann: „Ja, Mama, wir wissen es.“
Das Geschäft hilft ihnen, mit dem Verlust ihrer Mutter umzugehen. Gleichzeitig geben sie Dingen, die andere aufgegeben haben, ein zweites Leben. Aus zwei verlorenen Jobs wurde ein gemeinsames Unternehmen. Und aus der Sammlung ihrer Mutter wurde etwas, das die Schwestern bis heute miteinander verbindet.