Der englische Spitzenfussballklub soll jahrelang gegen Finanzregeln der Premier League verstossen haben. Ihm drohen drastische Strafen – doch er beharrt auf seiner Version.
Der englische Spitzenfussballklub soll jahrelang gegen Finanzregeln der Premier League verstossen haben. Ihm drohen drastische Strafen – doch er beharrt auf seiner Version.
Sven Haist, London
27.09.2026, 11.30 Uhr
4 Leseminuten

Adam Vaughan / EPA
Manchester Citys Trainer Enzo Maresca veröffentlichte am Freitagnachmittag fünf Bilder auf Instagram, die zeigen, wie er die spielfreie Zeit während der laufenden Länderspiele verbringt. Unter seinen Beitrag schrieb der Nachfolger von Josep Guardiola: «Zeit zu atmen, Zeit zu analysieren, Zeit zu lernen.»
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Dasselbe dürfte auch für seinen Spitzenverein gelten. Manchester City muss sich in einem beispiellosen Finanzverfahren gegen die Premier League verteidigen. Kurz nach Marescas Post berichtete das Sportmagazin «The Athletic», ein dreiköpfiges, unabhängiges Panel der Premier League habe «in nahezu allen Anklagepunkten» gegen Manchester City entschieden – konkret in 114 von 115 Fällen. Ein solcher Schuldspruch wäre ebenso spektakulär wie das gesamte Verfahren, das wegen seines Umfangs und seiner Tragweite als Jahrhundertprozess des Sports gilt.
Die möglichen Sanktionen reichen von Geldstrafen über Punktabzüge, die bis zum Abstieg führen könnten, bis hin zum Ausschluss aus der Premier League. Auch eine Kombination dieser Massnahmen ist möglich. Manchester Citys ehemaliger Finanzberater Stefan Borson sagte gegenüber Talksport, er sehe den Klub «in sehr, sehr grossen Schwierigkeiten». Es breche «die Hölle aus», so Borson.
Das genaue Strafmass wird festgelegt, sobald das noch nicht publizierte Urteil akzeptiert ist. Sowohl die Premier League als auch Manchester City können das Verdikt innerhalb von 14 Tagen nach seiner Zustellung anfechten. In diesem Fall müsste der Leiter des Liga-Justizausschusses eine neue Kommission besetzen. Für eine solche Überprüfung wäre der Zeitrahmen durch die Regularien immerhin stringenter vorgegeben als für das Verfahren in erster Instanz.
Der Prozess zieht sich seit Jahren hinNach vierjährigen Ermittlungen hatte die Liga den Klub im Februar 2023 angeklagt. Zwischen September und Dezember 2024 folgten die Anhörungen. Seither befasste sich das Gremium mit den umfangreichen Beweismitteln der beiden Seiten – und liess sich dafür viel Zeit. Während des gesamten Verfahrens haben sich die Beteiligten bislang mit Auskünften zum Stand der Dinge zurückgehalten. Zu Saisonbeginn räumte lediglich der Premier-League-CEO Richard Masters ein, der Prozess nehme mehr Zeit in Anspruch als ursprünglich angenommen. Auch auf die jüngsten Erkenntnisse reagierten die Streitparteien nur unwesentlich.
Die Premier League gab keinen Kommentar ab. Ein Sprecher von Manchester City verwies auf «wesentliche Schritte» des Verfahrens, die angeblich noch ausstünden. Zugleich betonte er, die Position des Vereins entspreche weiterhin der eigenen Stellungnahme nach Bekanntwerden der erhobenen Vorwürfe. Damals hatte sich der Verein überrascht gezeigt von der Untersuchung, sie zugleich trotzdem begrüsst, um die Sache «ein für alle Mal» zu beenden.
Am Samstag meldete sich der City-Chairman Khaldoon Al Mubarak zu Wort. Es gebe «so viele Dinge», die belegten, warum der Klub von seiner Position überzeugt sei. Die Schweigepflicht lasse eine Erklärung aber nicht zu. Damit wollte er auch jenen entgegentreten, die «den Schwung unseres Vereins bremsen» wollten, schrieb Al Mubarak weiter: «Wir werden ihnen diese Gelegenheit nicht geben.»
In der untersuchten Zeitspanne gewann City viele TitelDie Vorwürfe beziehen sich zum einen auf mutmasslich gravierende Finanztricksereien im Zeitraum von 2009 bis 2018. Der Klub soll durch inoffizielle Gehaltszahlungen und künstlich aufgeblähte Sponsorenverträge Ausgabenbeschränkungen umgangen haben. Zum anderen geht es um eine angeblich mangelnde Kooperation mit den Ermittlern zwischen 2018 und 2023.
Damit erstreckt sich die Sache über einen massgeblichen Teil der Abu-Dhabi-Ära des Vereins. Im September 2008 hatte Scheich Mansur bin Zayed Al Nahyan, Mitglied der Herrscherfamilie des Emirats, den damaligen Mittelklasseklub für rund eine Viertelmilliarde Euro erworben und anschliessend mit gewaltigen Investitionen an die Weltspitze geführt. Der Verein gewann unter seiner Führung acht Meisterschaften, vier FA-Cup-Titel und beim historischen Triple 2023 erstmals auch die Champions League.
Im Zentrum der Beweisführung stehen vermutlich gehackte Dateien der Enthüllungsplattform Football Leaks, die der Whistleblower Rui Pinto dem «Spiegel» einst zur Auswertung überliess. Pinto selbst schrieb nach dem mutmasslichen Schuldspruch gegen Manchester City auf seinem X-Profil von «akribisch orchestriertem Betrug». Der spanische Welt- und Europameister Rodri, kürzlich nach sieben Jahren bei Manchester City zum FC Barcelona gewechselt, stellte sich hinter seinen Ex-Klub. «Ich glaube an die Unschuld», versicherte Rodri – und verteidigte auch die sportlichen Erfolge. Diese seien «nicht mit Geld bezahlt» worden, sagte er.
Die Gegner prüfen bereits ihre AnsprücheDoch die Debatte über den Umgang mit den Erfolgen des Klubs hat bereits begonnen. Im Raum steht die Frage, inwieweit dem Verein gegebenenfalls Titel aberkannt werden müssten und – sollte es dazu kommen – ob jeweils der zweitplatzierte Klub nachträglich zum Meister erklärt würde. Jürgen Klopp, der mit Liverpool 2019 und 2022 knapp hinter City die Meisterschaft verpasste, hatte einst augenzwinkernd angemerkt: «Wenn ihr eine Busparade organisiert, bin ich dabei!»
Einen Schritt weiter ging José Mourinho. Nachdem sein Manchester United 2018 hinter City Rang zwei belegt hatte, sinnierte er über einen vertraglichen Meisterbonus, der ihm zustehen könnte. Der britische Premier Andy Burnham, vor seiner Ernennung neun Jahre lang Bürgermeister von Manchester, mahnte dagegen, «keine vorschnellen Schlüsse» zu ziehen.
Dem Vernehmen nach haben sich die Rivalen von Manchester City hinter den Kulissen bereits rechtlichen Beistand geholt, um mögliche Regressansprüche zu prüfen. Mit einem zeitnahen Ende des Prozesses ist trotz den jüngsten Entwicklungen nicht zu rechnen. Citys Coach Maresca teilte auf einem der Bilder seines erwähnten Instagram-Posts ein Zitat von Sokrates: «Ich weiss, dass ich nichts weiss.» Auf seinen Klub übertragen: Es liegen zwar noch nicht alle Fakten auf dem Tisch. Doch immerhin ist nun mehr bekannt als zuvor.
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