Warum spielen, rennen oder rasen die? Als ich vor 35 Jahren Sportjournalist wurde, war für mich Sport kaum mehr als eine freudvolle Spielerei. Nun, am Ende meines Berufslebens, weiss ich: Es geht dabei um sehr viel mehr.
Warum spielen, rennen oder rasen die? Als ich vor 35 Jahren Sportjournalist wurde, war für mich Sport kaum mehr als eine freudvolle Spielerei. Nun, am Ende meines Berufslebens, weiss ich: Es geht dabei um sehr viel mehr.
30.08.2026, 05.30 Uhr
6 Leseminuten

Imago
Gedämpfte Musik wabert durch den Zielraum, Tausende schauen schweigend auf die Grossleinwand oder zu Boden, viele mit Tränen in den Augen. Kurz zuvor haben wir gesehen, wie der Abfahrer Silvano Beltrametti aus dem Gleichgewicht geraten ist und mit den Ski voran eine Abweisplane durchschlagen hat, auf der absurderweise der Schriftzug einer Versicherungsgesellschaft prangt. Jetzt ist da nur noch ein klaffendes Loch. Und dahinter kämpft ein junger Mensch um sein Leben.
NZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.
Bitte passen Sie die Einstellungen an.
Wenn mir Leute die Frage stellten, warum ich mich als Journalist ausgerechnet mit Sport beschäftige, antwortete ich: «Weil er etwas Leichtes hat: Es ist ja nur ein Spiel.» Der 8. Dezember 2001 hat mir auf brutalste Weise gezeigt, dass auch auf dem Sportplatz oder der Skipiste die Fallhöhe gewaltig sein kann: beste Zwischenzeit – und dann ein Leben im Rollstuhl.
Solche Momente wirken wie ein Filmriss. Was sich zuvor auf der Leinwand abspielte, war das, was den Sport so faszinierend macht: die Suche nach der Exzellenz im Augenblick. Sportler reden vom Flow, Skifahrer oft auch von der Linie im Grenzbereich. Gelingt das den Allerbesten, erscheint alles perfekt und federleicht. Als Marco Odermatt in der WM-Abfahrt 2023 seine Kurven zog, bekam ich Hühnerhaut. Es war, als malte er ein Bild an den Berg. Und ich hätte ohne einen Blick auf die Zeit gewusst: Das ist die Goldfahrt.
Exzellenz ist immer auch eine GratwanderungElitesportler trainieren ihre Fähigkeiten so lange und so intensiv, dass sie sich in völlig anderen Dimensionen bewegen als wir Normalos. Ich fahre ziemlich gut Ski und bin über alle Abfahrtspisten dieser Welt gerutscht. Aber wenn ich in Kitzbühel oben am Steilhang stehe und weit unten das Netz leuchten sehe, ist es für mich schlicht unvorstellbar, dass man auf blankem Eis dort nicht nur fahren, sondern sogar im Autobahntempo präzise Kurven ziehen kann.
Rennski sind Waffen, ihre Kanten scharf wie Rasiermesser. Der Österreicher Hans Grugger hat mir einmal gesagt, er habe nach dem Training die Rennski geschultert, um sie mit ins Tal zu nehmen. Die Ski waren nicht gut fixiert und verrutschten, als Grugger über eine Bodenwelle fuhr. Sie schnitten sich derart tief in seine Schulter, dass er eine ganze Saison mit dem Sport aussetzen musste.
Es gibt aber auch weniger drastische Beispiele, um zu zeigen, in welchen Bereichen sich die Besten der Welt bewegen. Sabastian Sawe lief im Frühling als erster Mensch einen regulären Marathon unter 2 Stunden. Seine 1:59:30 Stunden für 42,195 Kilometer entsprechen 422-mal 100 Metern in 16,9 Sekunden – am Stück. Jeder Hobbyläufer kann auf einer Leichtathletikanlage testen, wie schnell sich so ein 100-m-Sprint anfühlt.

Matthew Childs / Reuters
Die hier erwähnten Beispiele stammen nicht zufällig aus Skirennen und Leichtathletik, es sind die beiden Sportarten, die ich 35 Jahre lang eng verfolgt habe. Das hat mir ermöglicht, ganze Karrieren zu begleiten. Und zu beobachten, wie der Sport auch den Menschen formt. Didier Cuche: vom ungestümen Draufgänger mit gefärbtem Haar zum kahlköpfigen Grandseigneur des Rennsports; Mujinga Kambundji: vom 17-jährigen Berner Meitschi zur Leitfigur der Schweizer Leichtathletik.
Dem Wort «Talent» bin ich oft begegnet, und ich habe es ungezählte Male geschrieben. Aber es ist mir nur ganz selten passiert, dass ich Ausnahmebegabungen noch in ungeschliffenem Zustand sah: Lara Gut-Behrami fuhr als 16-Jährige Kurven, bei denen mir fast Freudentränen kamen. Und wie Audrey Werro mit 17 Jahren an den Junioren-EM der Konkurrenz einfach davonlief, war fast ein Schockmoment. Bei beiden war auf den ersten Blick ersichtlich, dass sie das Potenzial hatten, ihre Disziplin zu prägen.
In «meinen» Sportarten war es viel einfacher als etwa im Fussball, Athletinnen und Athleten noch wirklich zu begegnen. 2002 traf ich den Ausnahmeläufer Haile Gebrselassie in Addis Abeba. Er holte mich im silbernen Mercedes vor meinem Hotel ab, was zu einem Volksauflauf führte. Strassenkinder drängten sich an jedem Stopp um das Auto, der Läufer griff immer wieder in eine Ablage und verteilte kleine Münzen. «Sie haben keine Eltern, kein Obdach, kein Essen», sagte er.

.Warren Little / Getty
Danach bewirtete er mich in seiner Villa. Wir sanken tief in die Polstersessel, und mitten im Raum stand ein Haile im Läufer-Outfit als Pappfigur. Gebrselassie erzählte, wie er vom armen Bauernsohn zum Dollarmillionär wurde und warum in Äthiopien nur der Marathon einen Läufer wirklich gross macht.
Ein anderer Läufer, Hicham El Guerrouj, schilderte mir 2002 unter Tränen, wie sehr er nach dem Olympiafinal 1996 gelitten habe. Er war dort gestürzt und hängte sich ein Bild davon übers Bett; es sollte ihm Kraft geben. 2000 nahm er das Bild mit an die Spiele in Sydney – und scheiterte erneut. Die Erinnerungen schüttelten den Marokkaner zwei Jahre später noch derart durch, dass wir das Gespräch minutenlang unterbrechen mussten.
Olympische Spiele sind heutzutage Anlässe, an denen viel Wert auf Sicherheit und Abschottung gelegt wird. Nach dem 100-m-Final 2008 in Peking brachen aber alle Dämme. Usain Bolt war in goldenen Schuhen und mit offenem Schnürsenkel Weltrekord gelaufen.
Danach drängten sich im Bauch des Stadions gefühlt Hunderte Jamaicaner, und jeder hatte eine Geschichte über das neue Sprintwunder zu erzählen. Sie stammten von besonders widerstandsfähigen Sklaven ab, sagte der eine. Der andere wusste, dass man eben viele Yamswurzeln essen müsse, um schnell zu sein. Irgendwann erschien Bolt zur Pressekonferenz und erzählte, wie er sich auf den Final vorbereitet hatte: «Zu Mittag hatte ich Chicken-Nuggets. Dann habe ich geschlafen. Und dann noch einmal Chicken-Nuggets gefuttert.»
Es war die Geburtsstunde des grössten Sprinters, den die Welt je gesehen hat. Und der grössten Ein-Mann-Show der Leichtathletik.

Jing Min / Cameleon / Abacapress / Imago
Diese Sportart hat mich zweimal nach Jamaica geführt, wo ich gesehen habe, wie das Laufen Kindern hilft, der Armut und der grassierenden Kriminalität zu entfliehen. Shelly-Ann Fraser-Pryce, mehrfache Olympiasiegerin und Weltmeisterin, nahm mich mit in das Ghetto, in dem sie aufgewachsen war. Sie zeigte mir den kleinen Verschlag, in dem sie gelebt und sich auf den Boden geworfen hatte, wenn draussen die Gangster herumgeballert hatten.
Die Wände bestanden aus dünnen Holzbrettern, es gab nur einen Raum mit einem Bett. Gekocht wurde auf einem Gaskocher vor der Tür, fliessendes Wasser gab es etwas weiter weg an einem Brunnen. Fraser-Pryce liess später für ihre Mutter ein Haus bauen. Und weil diese das Ghetto nicht verlassen wollte, steht nun dort an einer Strassenecke ein schmuckes, weiss getünchtes Häuschen. Angst braucht die Frau keine zu haben – Shelly-Ann und ihre Familie sind unantastbar.
2009 sah ich Daniel Albrecht in Kitzbühel durch die Traverse flitzen. Ich dachte: «Das ist nur ein Training, und er fährt die Siegerlinie!» Sekunden später lag er unweit von mir reglos im Schnee. Schweres Schädel-Hirn-Trauma, künstliches Koma. Zehn Tage später erklärte mir der behandelnde Arzt in Innsbruck, worum es bei solchen Fällen in der Intensivmedizin geht. Nach dem Gespräch fragte er: «Wollen Sie Daniel sehen?» Niemand durfte wissen, dass er mich auf die Intensivstation führte.

Robert Jaeger / EPA
Es war ein Moment, der bis heute nachwirkt. In einem grossen Raum lagen fünf, sechs Personen, angehängt an Sonden, Maschinen, Bildschirme. Alle reglos, mit bleichen, wächsernen Gesichtern. Ich fühlte mich wie in einer Leichenhalle; ich konnte mir nicht vorstellen, dass in einem dieser Menschen auch nur noch ein Funke Leben war. Fast zwei Jahre später war ich der erste Journalist, mit dem Albrecht über den Weg zurück ins Leben redete.
Sein Bewusstsein war nach dem Aufwachen wie ein unbeschriebenes Blatt. «In der ersten Zeit, an die ich mich erinnern kann, hatte ich vielleicht einen oder zwei Gedanken pro Tag», sagte Albrecht. «Man weiss nichts, absolut nichts. Nicht wie man heisst, wie alt man ist, was man getan hat. Aber man stellt sich lange auch die Fragen nicht.» Und: «Es ist, als ob man einem Kind einen weissen Zettel gibt. Was soll es damit anfangen? Ich war das Blatt, das ich neu beschreiben sollte, aber das musste ich zuerst begreifen.»
Nein, Sport ist nicht bloss ein Spiel, wie ich einst glaubte. Er zeigt uns den Menschen in all seinen Facetten: der Perfektionierung einer Begabung, dem grandiosen Scheitern, der Suche nach dem, was uns als Menschen letztlich ausmacht. Das begriffen und hautnah erlebt zu haben, ist der grösste Gewinn meines Lebens als Sportjournalist.
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»