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Die ewige Suche nach Relevanz: Wie Prognosen am Handy und ein schwarzer Rasen die Leichtathletik verändern sollen

Дата публикации: 13-09-2026 03:30:00

World Athletics kreiert mit der Ultimate Championship ein innovatives Format, das ein jüngeres Publikum für die Ursportart Leichtathletik begeistern soll. Das ist gar nicht so einfach – wie schon andere Sportarten festgestellt haben.

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Die ewige Suche nach Relevanz: Wie Prognosen am Handy und ein schwarzer Rasen die Leichtathletik verändern sollen

World Athletics kreiert mit der Ultimate Championship ein innovatives Format, das ein jüngeres Publikum für die Ursportart Leichtathletik begeistern soll. Das ist gar nicht so einfach – wie schon andere Sportarten festgestellt haben.

13.09.2026, 05.30 Uhr

6 Leseminuten


Knallige Farben, Kontraste und die Athletinnen im Mittelpunkt: Das ungarische Mixed-Staffel-Team betritt das National Athletics Centre in Budapest für die Premiere der Ultimate Championship.

Knallige Farben, Kontraste und die Athletinnen im Mittelpunkt: Das ungarische Mixed-Staffel-Team betritt das National Athletics Centre in Budapest für die Premiere der Ultimate Championship.

David Ramos / Getty

«Bahn sechs, disqualifiziert», durchschneidet eine Stimme die Stille im Stadion. Alles ist dunkel, nur die Bahn leuchtet, die gesamte Aufmerksamkeit ruht auf dem Start des letzten Rennens vom Abend. Auf der Anzeigetafel sticht das Schweizerkreuz ins Auge, daneben der Name Jason Joseph, Bahn sechs, zwischen fünf Amerikanern und zwei Japanern.

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Joseph trat an, um im Final über 110 Meter Hürden an der Ultimate Championship die Fahne der Europäer hochzuhalten. Nun steht der Europameister nach einem Fehlstart mit hängendem Kopf daneben, während 13 Sekunden später Ja’Kobe Tharp seine Freude in die Luft schreit, der 20-Jährige, der morgens noch Hausaufgaben erledigt hat, «Englisch, Geografie, das langweilige Zeug». Der seit diesem Jahr aber auch den Weltrekord hält, aufgestellt an den amerikanischen College-Meisterschaften.

Viel Drama in einem Rennen – das ist genau das, was sich der Leichtathletik-Weltverband vom neuen Leichtathletik-Format erhofft.

Im Halbfinal war noch alles gut: Jason Joseph qualifiziert sich an der Ultimate Championship souverän für den Final, wo er einen Fehlstart produziert.

Im Halbfinal war noch alles gut: Jason Joseph qualifiziert sich an der Ultimate Championship souverän für den Final, wo er einen Fehlstart produziert.

Tamas Vasvari / EPA

Erstmals veranstaltet World Athletics an diesem Wochenende die Ultimate Championship, drei Abende à drei Stunden in Budapest. Künftig soll sie im Wechsel mit den Weltmeisterschaften die Saison abschliessen. Das kompakte Format verfolgt mehrere Ziele: Es soll eine Spielwiese sein für Innovationen, die später in die WM einfliessen. Die Stammtischdiskussionen klären, wer der Grösste ist, eben: der ultimative Champion. Und es soll den Zuschauern das Gefühl geben, zwar keine völlig neue Sportart erlebt zu haben, aber doch ein aussergewöhnliches Ereignis. So sagte es der World-Athletics-Präsident Sebastian Coe vergangene Woche im Interview mit der NZZ.

Wie so viele Sportarten sucht die Leichtathletik nach dem Publikum der Zukunft, nach einem Weg, jüngere Menschen für die älteste Sportart der Welt zu begeistern. Verständlich, attraktiv und kurzweilig ist die Devise. Die Ultimate Championship etwa setzt auf ein neues Lichtkonzept. Der Rasen: schwarz eingefärbt. Das erhöht den Kontrast und lenkt den Blick auf die laufende Disziplin. Ganz so dramatisch wie angekündigt ist der Effekt zwar nicht, stimmungsvoll aber allemal.

Der Hammerwurf: kurz und schmerzvoll

Ein weiterer Plan: möglichst nur einen Wettkampf nach dem andern, um den Spannungsbogen der Disziplin nicht kaputtzumachen. Das gelingt nur teilweise. Die Hammerwerfer erhalten tatsächlich mehr Aufmerksamkeit als sonst. Das kürzere Format – nur vier Würfe, nach zwei Runden scheiden zwei der acht aus – fesselt, weil der Olympiasieger und Publikumsliebling Ethan Katzberg bereits nach zwei Fehlversuchen draussen ist. Kurz und schmerzvoll. Dass Disziplinen nie parallel laufen, ist aber nicht umsetzbar: Die Hochspringerinnen machen wie immer weiter, während auf der Bahn ein Rennen läuft.

Im Vorfeld der Ultimate Championship wird der Rasen schwarz eingefärbt. So lässt sich im Dunkeln die Bahn besser hervorheben.

Im Vorfeld der Ultimate Championship wird der Rasen schwarz eingefärbt. So lässt sich im Dunkeln die Bahn besser hervorheben.

Aleksandra Szmigiel / REUTERS

Um die Fernsehzuschauer abzuholen, sind bei jeder Athletin Rangvoraussagen oder bei Halbfinals die Chance auf eine Qualifikation eingeblendet, errechnet durch einen Algorithmus.

Auch die Zuschauer können per App vor jedem Rennen ihren Favoriten wählen, sie sollen auf den digitalen Plattformen interagieren. Das spiegelt die Realität des «Second-Screens», die verschiedene Studien immer wieder aufzeigen. Eine Untersuchung von PwC anlässlich der Olympischen Spiele in Paris 2024 ergab etwa, dass bloss 19 Prozent der Sportfans zwischen 18 und 34 ein ganzes Spiel oder einen ganzen Event verfolgen. Von diesen nutzen zwei Drittel gleichzeitig soziale Netzwerke, die Hälfte surft im Internet, und ein Viertel spielt nebenbei Videogames.

Eine Studie des Instituts für Generationenforschung aus Augsburg brachte zutage, dass in Deutschland 70 Prozent der Menschen über 50 Jahren gerne Sport im Fernsehen schauen – bei den 16- bis 28-Jährigen nur noch 40 Prozent.

Er ist nicht nur der Sieger im Stabhochsprung, sondern hat auch die Hymne «Gold» des Events komponiert: Armand «Mondo» Duplantis.

Er ist nicht nur der Sieger im Stabhochsprung, sondern hat auch die Hymne «Gold» des Events komponiert: Armand «Mondo» Duplantis.

Vitalii Kliuiev / Getty

Kurze, Social-Media-taugliche Videos mit Spiel- oder Veranstaltungs-Höhepunkten begeistern die Jüngeren. Das hat Folgen in den Klubs, etwa im Fussball oder Eishockey: Nachwuchstrainer berichten, dass die Jungen sich zwar früh an Tricks von gestandenen Spielern wagten. Jedoch oft gar nicht realisierten, wie viele unspektakuläre Phasen ein Spiel habe, in denen man schlicht solide verteidigen müsse.

Die Herausforderungen für die Sportformate und das Buhlen um die Zuschauer der Zukunft betreffen also längst nicht nur die Leichtathletik. Im Fussball sind Formate wie die Icon League oder Baller League bei den Jungen erfolgreich; das Spielfeld ist klein, die Spielzeiten kurz, das Regelwerk verrückt und veränderbar, die Show so wichtig wie der Sport. Fussballstars fungieren ebenso als Team-Captains wie Youtube-Stars, die Hallen sind voll, die Streaming-Zahlen schwindelerregend. Ob die Formate den klassischen Fussball wirklich in Bedrängnis bringen, ist noch schwer vorstellbar.

Hat der Skisport in der Team-Kombination eine Lösung gefunden?

Auch der Skisport probiert seit Jahren Neues aus für ein Publikum, das bei der Nummer 30 der Lauberhorn-Abfahrt längst weggezappt hat. Für ein packenderes TV-Erlebnis begleiten die Drohnen die Fahrer durch die Schlüsselpassagen, wie sie in der Leichtathletik mit dem Speer oder durch die Hürden fliegen.

Bei den Formaten scheiterte der City-Event, der den Skisport in die Städte bringen sollte. Parallelrennen mit dem direkten Vergleich gibt es zwar in Form des Teamwettbewerbs immer noch an Weltmeisterschaften, aber nicht mehr bei Olympia.

Hingegen besitzt die 2025 geschaffene Team-Kombination mit einem Abfahrer-/Slalomfahrer-Duo Potenzial. Doch auch dieses Format könnte noch kurzweiliger werden, würden zwischen den Disziplinen nicht Stunden liegen.

Im Mountainbike schuf man die zuschauerfreundliche Disziplin Short Track als Start in die Weltcup-Wochenenden: Der Parcours ist kürzer, schneller, intensiver. Die Tour de Suisse setzt im Strassen-Radsport seit diesem Jahr auf ein kürzeres Konzept: Nur noch fünf Tage, dafür starten die Frauen und Männer am selben Tag, auf derselben Strecke, immer auf einem Rundkurs.

Dem 20-jährigen Ja’Kobe Tharp gehört die Zukunft im Hürdensprint. Oder doch schon die Gegenwart? Seit Juni ist er Weltrekordhalter.

Dem 20-jährigen Ja’Kobe Tharp gehört die Zukunft im Hürdensprint. Oder doch schon die Gegenwart? Seit Juni ist er Weltrekordhalter.

Maja Hitij / World Athletics via Getty

Schon vor der Ultimate Championship hat die Leichtathletik immer wieder versucht, sich zu modernisieren. Weltklasse Zürich inszeniert seine Stars längst immer wieder neu. Der Stabhochsprung im Zürcher Hauptbahnhof am Tag vor dem Meeting ist ein Publikumsmagnet; bei den Diamond-Finals 2021, 2022 und 2025 verlegte man mehrere Disziplinen auf den Sechseläutenplatz. Für die Finals von 2027 bis 2029 brüten die Veranstalter bereits über neuen Ideen.

Noch immer warten Athleten auf Geld vom Grand Slam Track

Auch die Sprintlegende Michael Johnson versuchte sich an einer Innovation: Die lukrative Grand Slam Track League setzte 2025 ausschliesslich auf Laufdisziplinen im Stadion. Sie endete in einem Debakel: Das vierte und letzte Meeting wurde abgesagt, der Veranstalter meldete Konkurs an. Gemäss dem «Guardian» sollen noch heute mehrere Athleten auf Geld warten.

Auch bei der Ultimate Championship wird ein Rekordpreisgeld ausbezahlt. 10 Millionen Dollar sind es insgesamt, die Sieger verdienen 150 000 Dollar. Zu den Verlierern gehören die Disziplinen Diskus, Kugelstossen oder Steeple: Sie finden im Programm nicht statt.

Das National Athletics Centre in Budapest liegt an der Donau und wurde für die Leichtathletik-Weltmeisterschaften 2023 erbaut.

Das National Athletics Centre in Budapest liegt an der Donau und wurde für die Leichtathletik-Weltmeisterschaften 2023 erbaut.

Zoltan Mathe / EPA

Um herauszufinden, was die Menschen am meisten bewegt, stattete World Athletics bei den WM 2023 in Budapest Zuschauer im Stadion und vor dem Fernseher mit Pulsmessern aus. Der Weltverband analysierte, bei welchen Disziplinen das Herz schneller schlägt und welche kaltlassen; die Resultate flossen in das Programm der Ultimate Championship ein.

Am Ende des ersten Abends in Budapest versucht sich Armand Duplantis dreimal am Weltrekord von 6,32 Metern. Die geplante Endzeit des Meetings ist längst überschritten, die Hürdenläufer sind in der Mixed Zone verschwunden, alle Blicke ruhen auf dem Stabhochspringer. Und so endet das Meeting doch wie fast jedes andere. Mit Duplantis, der demonstriert, was die Leichtathletik ausmacht: das Überwinden menschlicher Grenzen. Wie auch immer die Verpackung ist.

Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»

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Der World-Athletics-Präsident Sebastian Coe erklärt, wie er die Leichtathletik von Grund auf reformierte und warum er im Rennen um die Präsidentschaft beim IOK chancenlos war. Am Wochenende betritt er mit der Erstaustragung der Ultimate Championships Neuland.

Die 22-Jährige unterstreicht bei Weltklasse Zürich, dass sie die klare Nummer 1 im 800-m-Lauf ist. Den Weltrekord verpasst sie in 1:53,70 nur um 42 Hundertstelsekunden.

Zwar hat sich der Fokus von TV-Bildern in Sportübertragungen in den vergangenen Jahren gewandelt. Aber noch nicht genug, findet die European Broadcast Union. Neue Standards sollen die Athletinnen nun besser schützen.

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