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Von 50 Grad bis Schneesturm – so gewann Nathalie Schneitter eines der härtesten Ultra-Bike-Rennen der Welt in Kirgistan

Дата публикации: 06-09-2026 03:30:00

Sie war als Mountainbikerin an den Olympischen Spielen, ist Weltmeisterin auf dem E-Bike und führt den Verband der Schweizer Veloindustrie. Das «Velochamäleon» spürt ständig neue Herausforderungen auf.

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Von 50 Grad bis Schneesturm – so gewann Nathalie Schneitter eines der härtesten Ultra-Bike-Rennen der Welt in Kirgistan

Sie war als Mountainbikerin an den Olympischen Spielen, ist Weltmeisterin auf dem E-Bike und führt den Verband der Schweizer Veloindustrie. Das «Velochamäleon» spürt ständig neue Herausforderungen auf.

06.09.2026, 05.30 Uhr

6 Leseminuten


Nathalie Schneitter am Silk Road Mountain Race in Kirgistan. Beim Start herrschten fast 50 Grad, später sanken die Temperaturen auf unter 0.

Nathalie Schneitter am Silk Road Mountain Race in Kirgistan. Beim Start herrschten fast 50 Grad, später sanken die Temperaturen auf unter 0.

Stephen Shelesky

Um 2 Uhr morgens steht Nathalie Schneitter in völliger Finsternis auf dem Ukok-Pass in Kirgistan. Ein Schneesturm tobt um sie und das mit Gepäck beladene Mountainbike. In den vergangenen sieben Stunden hat sie das Velo Zentimeter für Zentimeter auf fast 4000 Meter über Meer geschoben, gezerrt, gehoben.

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Einen Weg gibt es hier oben nicht, die Route des Silk Road Mountain Race leuchtet bloss als Linie auf Schneitters Garmin und zeigt an, wo im Dunkel sie die nächsten Schritte setzen soll. Unten am Berg hatte sie in einem Supermarkt zwei Joghurts und Essiggurken gekauft, viel mehr fand sie nicht.

Auf diesem Gipfel scheint das schon wieder weit weg. Schneitter denkt: Wenn ihre direkte Konkurrentin hier stehen würde, hielten sie sich wohl an den Händen und schickten ein Stossgebet gen Himmel. An Sieg oder Niederlage würde kaum eine denken.

Das zeigt ziemlich gut, welche Herausforderung der Ukok-Pass stellte. Denn Nathalie Schneitter ist durch und durch Rennfahrerin. Auf Instagram bezeichnet sich die Vierzigjährige als «Velochamäleon», das immer wieder Wege findet, seine Leidenschaft neu zu entdecken und die Spitze erneut zu erobern. In ihrer ersten Karriere gewann sie im Cross-Country-Weltcup-Rennen, beendete die Olympischen Spiele in Peking trotz Gehirnerschütterung auf Platz 15. Später war sie Weltmeisterin auf dem E-Bike, als diese Disziplin neu geschaffen wurde.

Dann fand Schneitter zum Ultra-Bikepacking – wieder ohne Motor –, ist seit ein paar Tagen Siegerin des Silk Road Mountain Race, eines berühmten Nonstop-Rennens in Kirgistan. 9 Tage, 15 Stunden und 51 Minuten benötigte sie für die 2000 Kilometer und 35 000 Höhenmeter. Auf dem Weg dahin forderte sie der Ukok-Pass im Schneesturm wie kaum etwas zuvor.

Immer wieder musste Nathalie Schneitter ihr Bike im Silk Road Mountain Race schieben. Vor allem in der dünnen Luft auf über 3000 Meter über Meer war das eine Qual.

Immer wieder musste Nathalie Schneitter ihr Bike im Silk Road Mountain Race schieben. Vor allem in der dünnen Luft auf über 3000 Meter über Meer war das eine Qual.

Stephen Shelesky

Als sie bei einem Kaffee in Zürich davon erzählt, sagt sie: «Im Nachhinein ist die Geschichte vielleicht cool. Aber dort war sie das nicht.» Sie habe den Veranstaltern gesagt, dass es «sehr, sehr nahe am Limit» dessen gewesen sei, was man Teilnehmern an einem solchen Event zumuten könne. Die Strecke ist jedes Mal anders, die Finisher-Quote dieses Jahr betrug 36 Prozent. Eine Bekannte von Schneitter musste ihr Rennen an dem Pass beenden. Ihr wurde die Durchquerung eines reissenden Bergbaches im steilen Gelände bei Minustemperaturen zum Verhängnis – ein Rutscher, und weg war das Velo, die Fahrerin wurde verletzt.

Auch Schneitter durchlebt während der knapp zehn Tage weitere Situationen, die sie fordern: ein Gewitter, das so blitzschnell über sie hereinbricht, dass ihr keine Zeit bleibt, Regenkleidung anzuziehen. Eine Nacht, in der sie so müde ist, dass sie vergisst, ihre elektronischen Geräte wie die Powerbank mit in den Schlafsack zu nehmen, und die Kälte prompt alle Batterien entleert. Der Schneefall am letzten Berg des Rennens, als sie einen Vier-Minuten-Powernap macht und vor Erschöpfung nicht realisiert, wie gefährlich es ist, sich bei dieser Kälte in T-Shirt und kurzen Hosen hinzulegen. Oder der zweitletzte Berg, eine lange Steigung ohne einen Baum oder Schutz, als sie ihre Tage bekommt und stundenlang keine Gelegenheit hat, sich der Hygiene zu widmen.

Aber Schneitter erlebt auch unzählige schöne Momente, «ständig erinnere ich mich wieder an etwas Neues», sagt sie ein paar Tage nach dem Rennen: der majestätische Anblick einer Herde von 40, 50 Pferden, die über die Steppe galoppiert. Oder der letzte Tag des Rennens, als sie nochmals acht, neun Stunden in den Rennmodus schaltet und über die unzähligen steilen Steigungen prescht, um die erste Konkurrentin entscheidend zu distanzieren. 255 Kilometer mit 6000 Höhenmetern fährt sie am letzten Tag. Es ist dieser Schlusseffort, der den Körper nach all den Strapazen richtig leert und dessen Folgen Schneitter später spürt.

Nathalie Schneitter bei einer Pause.

Nathalie Schneitter bei einer Pause.

Stephen Shelesky

Schneitter musste zuerst herausfinden, wie sie auf extreme Belastungen reagiert; die Teilnehmenden an Nonstop-Rennen verfolgen individuelle Schlafstrategien. Vor zwei Jahren bestritt sie das Hope-1000, ein Mountainbike-Rennen in der Schweiz über 1000 Kilometer. Die Solothurnerin wollte unbedingt den Streckenrekord der Frauen knacken und schlief in den vier Nächten durchschnittlich drei Stunden. Zu wenig für ihren Körper, auch wenn sie den Rekord schaffte. «Ich hatte danach zwei Monate lang ein Gefühl, als hätte sich mein Hirn verabschiedet», sagt sie. Körperlich erholte sie sich schnell, doch sobald es hektisch wurde, war sie überfordert. Sie war im Alltag nicht fähig, mit Herausforderungen umzugehen, erkannte sich nicht wieder.

E-Bike-Rennen: Absurd und faszinierend gleichermassen

Im selben Jahr startete sie an den Badlands, einem Gravel-Rennen in Spanien durch die Wüsten- und Berglandschaften rund um Granada. Auch dort merkte sie nach der ersten Nacht: Das, was sie sich vorgenommen hat, funktioniert nicht. Seither plant sie bei Nonstop-Rennen 4,5 bis 5 Stunden Schlaf pro Nacht ein. «Ich habe das Gefühl, so könnte ich ewig weitermachen», sagt sie. In Kirgistan strich sie die Zeit in der letzten Nacht auf 2-mal 45 Minuten zusammen, um den Sieg sicherzustellen.

Es gab eine Zeit, in der sich Schneitter auf dem Velo nicht mehr so quälen konnte. 2012, als sie noch Cross-Country-Fahrerin war, stürzte sie an einem Weltcup-Rennen schwer, es ging um die Qualifikation für die Olympischen Spiele in London. Nach jenem Sturz brachte sie nicht mehr den letzten Willen auf, die Überzeugung, die es braucht, um den Sieg zu erzwingen. 2016 beendete sie ihre Karriere, nur um 2019 wieder ins Cross-Country zurückzukehren – mit einem Motor! Sie fand es gleichermassen absurd und faszinierend, dass es Rennen mit E-Bikes geben sollte, «und ich wollte unbedingt die erste Weltmeisterin der Disziplin sein».

Das E-Bike wurde zu einem der Lieblingsspielzeuge von Nathalie Schneitter. Hier an den WM 2020.

Das E-Bike wurde zu einem der Lieblingsspielzeuge von Nathalie Schneitter. Hier an den WM 2020.

Imago

Das schaffte sie 2019, und zwar mit einem so riskanten Manöver in der letzten Runde des Rennens, dass kein Zweifel bestand, dass der Wille zurück war. Sie nahm bei der Einfahrt in den Rock Garden auf der Strecke in Mont-Saint-Anne eine äusserst direkte Linie, die viel Mut brauchte und der Konkurrenz den Weg abschnitt. Schneitter gewann mit 5 Sekunden Vorsprung. Später folgten noch Bronze und Silber, und auch 2025 versuchte sie es an den Heim-WM nochmals.

Sie liebt es, das Velo «grössenwahnsinnig zu inszenieren»

Denn in dieser Disziplin lässt sich ihr Ehrgeiz mit ihrer Affinität zu «Material und Spielzeug» verbinden. Sie testete die Rennsoftware, gab Feedback, entwickelte so etwa die ABS-Bremse mit. Die Disziplin entwickelt sich rasant. «Mit dem E-Bike, mit dem ich 2019 Weltmeisterin wurde, würde ich heute vielleicht noch zum Bahnhof fahren», sagt sie. Die Grenze dessen, was technisch bergauf als fahrbar gelte, werde jedes Jahr verschoben.

Auch ihre beiden beruflichen Standbeine haben mit dem Material zu tun. Bei der Cycle Week in Zürich ist sie verantwortlich für die Messe, verkauft die Stände an die Veloindustrie, das hat sie schon früher bei den Bike Days in Solothurn gemacht. «Ich bin so lange dabei, weil ich mich immer wieder dafür begeistern kann, das Velo grössenwahnsinnig zu inszenieren», sagt sie. Velofahren mache sie glücklich, dieses positive Gefühl nach aussen zu tragen, sieht sie als ihren Antrieb. Seit diesem Jahr ist Schneitter zudem die Geschäftsführerin von Velosuisse, dem Verband der Veloindustrie.

Das Ultracycling als Profi zu bestreiten, kann sie sich auch wegen dieser Jobs nicht vorstellen. Zu sehr mag sie es, sich mit den unterschiedlichsten Facetten des Rads zu beschäftigen. Das Velo hat nur einmal Pause: im Winter, wenn Schneitter die Trainingskilometer lieber auf den Tourenski abspult.

Im Nachwuchs hat sie vieles abgeräumt, unter anderem war sie Junioren-Weltmeisterin und U-23-Europameisterin. Hier fährt sie 2006 im U-23-Rennen der WM in Neuseeland.

Im Nachwuchs hat sie vieles abgeräumt, unter anderem war sie Junioren-Weltmeisterin und U-23-Europameisterin. Hier fährt sie 2006 im U-23-Rennen der WM in Neuseeland.

Phil Walter / Getty

Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»

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