Der Walliser hat es so schnell wie niemand zuvor vom tiefsten Punkt der Schweiz auf den höchsten geschafft. Unterwegs wartete er darauf, dass es endlich anstrengend wird.
Dennis Brunner / FreshFruits Content Creation
Der Walliser hat es so schnell wie niemand zuvor vom tiefsten Punkt der Schweiz auf den höchsten geschafft. Unterwegs wartete er darauf, dass es endlich anstrengend wird.
Isabelle Pfister08.09.2026, 05.30 Uhr
5 Leseminuten
Nach einer Stunde auf dem Velo dachte sich Louis Gruber: «Es fühlt sich einfach perfekt an.» Das dachte er weitere 15 Stunden lang, in denen er 7500 Höhenmeter überwand. Mit dem Velo, zu Fuss und irgendwann mit Steigeisen an den Füssen. Er bewältigte die Strecke vom tiefsten Punkt der Schweiz in Brissago bis zum höchsten Punkt, der Dufourspitze, in 16 Stunden, 3 Minuten und 26 Sekunden, und er blieb dabei immer auf Schweizer Boden. Rekord!
NZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.
Bitte passen Sie die Einstellungen an.
Ein Rekord, bei dem alles zusammenpasste. «Das war für mich die grösste Überraschung», erzählt der 29-jährige Gruber. 16 Stunden lang hatte er keine körperlichen Beschwerden, kein mentales Tief. Die Verdauung machte mit, das Material auch. Und als er dann am 24. August auf der Dufourspitze ankam, hatte er auch noch Geburtstag.
Die Organisation war für ihn anstrengender als das TrainingKevin Wälchli, 34, hatte im Sommer 2025 die Strecke ab Ascona in 20 Stunden absolviert. Der Seilpartner von Wälchli ist ein Freund von Gruber, und der sagte zu ihm: «Du schaffst das schneller als er.» Gruber hielt das am Anfang für «dummes Gelaber», doch er ertappte sich schliesslich bei dem Gedanken: «Okay, das schaffe ich schneller.»
Es war der Startschuss eines Projekts, das Gruber organisatorisch etwas unterschätzt hatte. An einem Wettkampf ist normalerweise alles vorgegeben: Tag, Uhrzeit, Startort. Für den Rekordversuch musste er die Planung selber übernehmen.
Soll ich den Rekord an meinem Geburtstag wagen? Ist das Wetter gut genug? Um welche Zeit starte ich? Wo genau starte ich? Solche Fragen trieben Gruber um. Kevin Wälchli hatte ihm kurz vor dem Rekordversuch den Tipp gegeben, vorher den Startort genau zu inspizieren. Eine Toilette und ein Supermarkt in der Nähe sind von Vorteil. Wälchlis weitere Tipps: genug Kleider mitnehmen, denn der Monte Rosa ist ein kalter Berg. Und: genug Koffein zu sich nehmen.

Dennis Brunner / Fresh Fruits Content Creation
Gruber trainiert zwanzig Stunden in der Woche, daneben arbeitet er Vollzeit als Rettungssanitäter. Er ist ein ambitionierter Hobby-Ausdauerathlet. Die sportliche Vorbereitung auf den Rekordversuch war für ihn schon fast Routine. Im letzten Winter nahm er an der Patrouille des Glaciers teil. Danach richtete sein privater Trainer das Training auf den Rekordversuch aus. Also längere Trainingseinheiten, mehr Stunden auf dem Rennvelo, weniger Fokus auf die Spritzigkeit.
Die Abwechslung gefiel Gruber. Im Jahr davor war er nach der Wettkampfsaison im Trail-Running mental in ein Loch geraten. Er sagt, er sei zu wenig «am Berg gewesen». Training, Wettkämpfe und Arbeit unter einen Hut zu bringen, hatte ihn herausgefordert. Umso mehr Freude hatte er deshalb an seinem neuen Projekt. Denn es verband Laufen, Velofahren und Bergsteigen miteinander. Und es war etwas, das man nicht jeden Tag macht.
Grubers Route von Brissago auf die Dufourspitze verlief via Nufenenpass und Zermatt über die Monte-Rosa-Hütte. Das sind insgesamt 7800 Höhenmeter.
9 Stunden sass er von Brissago bis Zermatt auf dem Rennvelo. «Ich dachte immer: Jetzt könnte es anstrengend werden. Jetzt könnte es anstrengend werden.» Aber eben: Es lief einfach, bis zum Schluss. Vor den letzten Höhenmetern mit dem Velo zog sich Gruber zwischen Visp und Brig um und traf dort seinen Trainer. Der meinte: «Louis, du kannst dich nur noch selber schlagen.»
Gruber nahm dann die erste von zwei Koffeintabletten und fuhr weiter nach Zermatt. Dort wechselte er vom Rennvelo in die Laufschuhe. Die Strecke von Zermatt bis zur Monte-Rosa-Hütte kam ihm dann doch etwas lange vor – 3 Stunden und 20 Minuten brauchte er für den Streckenabschnitt.
Die letzten dreieinhalb Stunden, also der Aufstieg von der Monte-Rosa-Hütte zur Dufourspitze, waren sein Highlight. Für die Emotionen findet er keine Worte. «Unbeschreiblich», sagt er am Telefon. Das ganze Erlebnis beschreibt er als Film, der einfach immer weiterläuft und nie unterbrochen wird.
Erst auf dem Gipfel erfuhr er, wie lange er unterwegs gewesen war und dass er Wälchlis Zeit deutlich unterboten hatte. 16 Stunden, 3 Minuten, 26 Sekunden. Am Anfang, so erzählt das Gruber, hätten ihn die 3 Minuten gejuckt, «Peanuts» seien das ja nur auf diese Distanz. Andere freuen sich, wenn sie es überhaupt auf den Gipfel schaffen. Gruber beschäftigte aber, dass er die Strecke nicht unter 16 Stunden geschafft hatte.

Dennis Brunner / Fresh Fruits Content Creation
Es gibt ein Phänomen, das als «postolympische Depression» bekannt ist. Es bezeichnet das Loch, in welches einige Athletinnen und Athleten nach den Olympischen Spielen oder einem anderen Grossanlass fallen. Routinen und Ziele sind plötzlich weg. Was bleibt, ist eine Leere. Gruber hatte ein Jahr für diesen Rekord trainiert, und das nach einer Wettkampfsaison, nach der er bereits eine gewisse Leere verspürt hatte.
Und jetzt? Wie leer fühlt er sich nach dem Rekord?
«Die Zeit danach war krass. Ich habe drei Tage lang einfach in den Tag hineingelebt, bin auch einmal bewusst im Bett liegen geblieben.» Was für andere das standardmässige Sonntagsprogramm ist, ist für ihn «krass». Er braucht das Wort während des Gesprächs nur, um die drei Tage Nichtstun zu beschreiben.
Dabei ist der Rekord, den er geschafft hat, schon auch «krass». Gruber verspürte aber bereits nach drei Tagen wieder den Drang, «etwas zu tun». Also schwang er sich aufs Velo. Und nennt es im Gespräch eine «Erlösung».
Eine Leere spüre er inzwischen trotzdem, gibt er zu, jetzt, wo er wieder im Alltag angekommen ist. Nicht schlimm, er liebe ja seinen Job. Der Arbeitsalltag fungiert momentan als Ausgleich zum Sport, normalerweise ist es andersherum. Der Sport bleibt aber wichtig. Anfang September organisierte Gruber einen Laufanlass in seinem Heimatort St. Niklaus. Ob er bald wieder ein verrücktes Projekt in Angriff nimmt? «Ich werde sicher wieder etwas in der Art tun», sagt er. Er sei schliesslich ein Spinner.