Steigende Bauzinsen verändern die Immobilienfinanzierung drastisch. Eine Familie erlebt, wie drei Monate Zinsanstieg 48.000 Euro Kredit kosten.
Eine Familie wollte ihr Traumhaus kaufen. Doch dann stiegen die Bauzinsen so stark, dass plötzlich 48.000 Euro bei der Finanzierung fehlten.
Die Bauzinsen steigen so rasant wie zuletzt 2022. Zehn Jahre Zinsbindung kosten inzwischen rund 4,3 Prozent – und plötzlich können sich viele Käufer deutlich weniger Immobilie leisten. Warum das die Preise unter Druck setzt und Verkäufer umdenken müssen.
Torben Reuter ist Experte für Immobilienfinanzierungen und seit über 25 Jahren in der Finanzbranche tätig. Er ist Teil unseres Expertennetzwerks EXPERTS Circle.
Juni 2026: Familie Kollert hatte ihr Traumhaus gefunden. Nur beim Preis wurden sie sich mit dem Verkäufer noch nicht einig. Also warteten beide. Drei Monate später ist das Haus noch da. Doch inzwischen hat sich etwas verändert, mit dem keiner von beiden gerechnet hatte. Es passte alles.
Das Haus hatte die richtige Größe, die Kinder konnten jeder endlich ihr eigenes Zimmer bekommen, die Nachbarschaft war schön und der Garten ein Traum. Genau das, was Familie Kollert schon lange gesucht hatte.
500.000 Euro sollte es kosten, mit Nebenkosten rund 560.000 Euro. 60.000 Euro hatten sie zusammengespart, 100.000 Euro gaben die Eltern dazu, 400.000 Euro mussten finanziert werden.
Mit der Bank hatten sie auch schon die Finanzierung geregelt, die monatliche Rate war zwar hoch, aber gerade noch tragbar. Allerdings war der Energiewert des Hauses zu schlecht, die Bank bestand darauf, dass sie zumindest die Dämmung, Heizung und Fenster neu machten. Kostenpunkt 30.000 Euro – nach Fördermitteln. Um diese 30.000 EUR mussten sie den Verkäufer herunterhandeln, ansonsten wäre es nicht finanzierbar gewesen.
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Der Verkäufer wartete und hielt die Familie hin. Vielleicht kam ja doch noch jemand, der das Haus zum vollen Preis kaufen würde.
Die Verhandlungen zogen sich. Die Sommerferien verbrachte die Familie an der Ostsee und sparte sich die lange geplante Fernreise. Im August gingen die Verhandlungen weiter, der Verkäufer ließ sich auf einen Deal ein: 15.000 Euro Nachlass und 15.000 Euro Verkäuferdarlehen. Vater Kollert erwartete in ein bis zwei Jahren eine Gehaltserhöhung, außerdem wollten sie noch ein paar unnötige Ausgaben einsparen – das sollte also klappen.
Glücklich, endlich eine Einigung gefunden zu haben und bald in ihren eigenen vier Wänden leben zu können, gingen sie zurück zu ihrem Bankberater. Und da löste sich der Traum in Luft auf.
Die Zinsen waren inzwischen gestiegen – von 3,6 Prozent auf 4,3 Prozent. Statt 1700 Euro müssten sie nun 1933 Euro pro Monat bezahlen – unmöglich.
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Tochter Julia (5) hatte eine Idee: „Papa, wie viel können wir denn dem Verkäufer bezahlen?“ Der Banker nahm seinen Taschenrechner und tippte ein paar Zahlen. Heraus kam: Statt 400.000 Euro kann die Familie nur noch 352.000 Euro Kredit aufnehmen. Der Verkäufer müsste also auf weitere 48.000 Euro Kaufpreis verzichten.
Diese Geschichte soll zeigen, was sich in den letzten drei Monaten getan hat. Wir haben den rasantesten Zinsanstieg seit 2022 erlebt. Und noch ist keine Entspannung zu sehen. Banken erhöhen reihenweise ihre Zinsen, täglich kommen bei Finanzierungsberatern die Meldungen rein.
Natürlich bedeutet das nicht, dass jetzt jedes Haus entsprechend billiger werden muss. Ein anderer Käufer hat vielleicht mehr Eigenkapital oder kann sich eine höhere monatliche Rate leisten.
Aber wenn Käufer bei gleicher monatlicher Belastung weniger Kredit bekommen, sinkt grundsätzlich ihre Finanzierungshöhe. Und irgendwann landet dieses Problem beim Verkäufer.
Verkäufer können nicht dauerhaft mit den Preisen von gestern kalkulieren, wenn ihre Käufer mit den Zinsen von heute finanzieren müssen.
Besonders dramatisch wird es für diejenigen, die vor acht bis zehn Jahren in der Niedrigzinsphase finanziert haben. Viele haben Mitte der 2010er-Jahre zu ein bis zwei Prozent Zins und mit sehr niedriger Tilgung finanziert und nur zehn Jahre Zinsbindung vereinbart. Diese Zinsbindungen laufen jetzt nach und nach aus. Die verbleibende Restschuld muss zu den deutlich höheren aktuellen Zinsen refinanziert werden. Der Zinssatz kann sich gegenüber der ursprünglichen Finanzierung damit verdoppeln oder im Extremfall sogar verdreifachen. Wie stark die monatliche Rate tatsächlich steigt, hängt davon ab, wie hoch die Restschuld noch ist und welche Tilgung bei der Anschlussfinanzierung vereinbart wird.
Wer glaubt, dass die Zinsen ja wieder runterkommen, der mag recht haben. Aber auch zu dem Zeitpunkt, an dem die Refinanzierung ansteht? Was ist, wenn die Zinsen dann bei fünf Prozent stehen? Oder gar sechs? Können sie sich die höheren Kreditraten dann noch leisten?
Bei einer Anschlussfinanzierung schaut die Bank nicht nur auf den aktuellen Zinssatz. Entscheidend sind unter anderem die noch vorhandene Restschuld, der Wert der Immobilie, das aktuelle Einkommen und die gesamte wirtschaftliche Situation des Kreditnehmers.
Wer erst kurz vor Ablauf der Zinsbindung feststellt, dass die neue monatliche Belastung sein Budget sprengt, hat ein Problem.
Kopf in den Sand stecken und abwarten? Wird schon nicht so schlimm? Meine Bank hilft mir? Der schlechteste Weg.
Erfahrene Kreditberater empfehlen: Bewerten Sie Ihre Immobilie neu. Stellen Sie eine Einnahmen-Ausgaben-Rechnung auf. Ziehen Sie einen Berater – Ihren Banker, einen Kreditberater oder die Verbraucherzentrale – hinzu und berechnen Sie, was Sie das Darlehen in Zukunft kosten wird.
Was kostet Ihre Restschuld bei vier Prozent? Was bei fünf Prozent? Und was passiert bei sechs Prozent? Schauen Sie, ob Sie die Tilgung reduzieren können. Und vor allem, ob sich bis zur Anschlussfinanzierung weitere Mittel auftreiben lassen, um den Kreditbetrag zu reduzieren.
Denn die entscheidende Frage ist, ob die monatlichen Raten auch dann noch bezahlbar sind, wenn die Zinsen nicht wieder fallen. Oder steigen. Alles andere ist Spekulation - mit nicht absehbaren Risiken.
Und manchmal lohnt es sich, nicht nur auf den Kredit zu schauen, sondern auf die gesamte finanzielle und familiäre Situation. Familie Kollert ist dafür ein gutes Beispiel.
Ein Finanzierungsberater half ihnen, den Traum vom Haus zu verwirklichen. Die Tilgung wurde auf 1,25 Prozent reduziert, dafür eine Sondertilgungsoption eingebaut und der Verkäufer ging mit dem Preis noch weiter runter. Zusätzlich fand der Energieberater einen günstigeren Weg für die Sanierung. Und Oma gab noch 10.000 Euro dazu.
Einzug ist nächste Woche. Entscheidend war aber noch etwas anderes: Oma bekommt in fünf Jahren ihre Lebensversicherung ausbezahlt und möchte einen Teil des Geldes der Familie schenken.
Deshalb wurde die Finanzierung aufgeteilt. Die Hälfte des Darlehens bekam eine Zinsbindung von zehn Jahren, die andere Hälfte nur fünf Jahre. Die kürzere Zinsbindung führte zudem zu einem günstigeren Zinssatz.
Damit hält die Familie auch meine goldene Finanzierungsregel ein: Während der Zinsbindung sollte möglichst die Hälfte des ursprünglichen Darlehens zurückgeführt werden. Nicht allein über die monatliche Tilgung, sondern in diesem Fall auch über die Lebensversicherung der Oma.
Genau deshalb sollte man bei einer Finanzierung nicht nur auf den Zinssatz schauen, sondern auf die gesamte finanzielle und familiäre Situation.
„Nicht Zinsen sind das Problem, sondern Baupreise und Einkommen“