Auf Berlins Flohmärkten wird mehr gedrängelt als gefunden. Unsere Autorin hat sieben Märkte getestet und weiß, wo sich die echten Schätze verbergen.
Weil vor Tausenden von Jahren ein Mann im Himmel den Sonntag zum Ruhetag aller Welt erklärt hat und dieses Wort bis heute Gewicht besitzt, geht in Deutschland an diesem Tag: nichts. Kein Shopping-Bummel durch die Stadt, kein schneller Einkauf, weil man es unter der Woche mal wieder nicht geschafft hat.
Also musste eine Alternative her. Denn wer hält in einer Metropole wie Berlin schon einen ganzen Tag Ruhe unbeschadet aus? Mittlerweile gilt deshalb gemeinschaftlich: Sonntag ist Flohmarkttag. Zumindest unter Freunden von Secondhand-Funden und dem Rumwühlen in klapprigen Kisten.
Wenn am Sonntag nichts sonst zu tun ist, ist der wöchentliche Flohmarktbesuch eine beliebte Wahl bei Berlinern.
© Sabine Gudath/imago
An Flohmärkten mangelt es in Berlin schließlich nicht. In fast jedem Bezirk wird wöchentlich getrödelt, mal größer, mal kleiner, mal für Privatleute, mal eher für Händler.
Was einen auf einem Flohmarkt erwartet, weiß man natürlich nie. Trotzdem lassen sich Charakteristika erkennen, die Rückschlüsse auf das Angebot und mögliche Schnäppchen zulassen. Unsere Autorin, begnadete Flohmarktgängerin und selbsternannte Expertin auf dem Gebiet, hat sich einige der Sonntagsflohmärkte der Stadt genauer angesehen und ein Urteil gefällt.
Angepriesen wird der sonntägliche Flohmarkt im Mauerpark als groß und belebt. Maßlos untertrieben. Wenn man sich durch Menschenmassen quetschen muss, von denen die Hälfte einen viel zu großen Rucksack auf dem Rücken trägt, und minutenlang warten darf, um das Angebot eines Standes überhaupt beäugen zu können, dann hat das mit belebt nicht mehr viel zu tun, das ist Ausnahmezustand.
Von 10 bis 18 Uhr versammeln sich hier jeden Sonntag mehrere tausend Menschen, darunter hauptsächlich Touristen, und stöbern durch die Stände, an denen – ja, was denn überhaupt? – angeboten wird.
Der Flohmarkt im Mauerpark ist wohl einer der populärsten der Stadt und lockt unter anderem viele Touristen an.
© Jürgen Held/imago
Nach privaten Ständen kann man lange suchen. Der Großteil der Buden wird von Händlern betrieben, die für ein abgetragenes Primark-Shirt, das man sich nach harter Arbeit aus einem Kleiderberg gezogen hat, immer noch satte acht Euro verlangen. Auch der Begriff „Flohmarkt“, also ein Gebrauchtwarenmarkt, wird hier großzügig gedehnt: Man findet allerhand Selbstgemachtes, vom Ledergürtel (der in identischer Ausführung komischerweise an drei weiteren Ständen hängt) bis zum bunten, gehäkelten Plüschschwein.
Mittendrin bestehen mehrere Reihen des Marktes rein aus Foodtrucks mit Essen aus aller Welt – für die Stärkung, wenn man sich erfolgreich durch die wuselnden Touristen gekämpft hat. Wo vor Jahren vielleicht mal ein Flohmarkt stattgefunden hat, findet sich jetzt leider nur noch eine Touristenattraktion unter dem Deckmantel des Trödels. Nichts gegen Touristen, aber wo sie in Scharen unterwegs sind, wird es zwangsläufig teurer.
Was man die Touris nicht wissen lassen darf: Nur ein paar Straßen entfernt vom Trubel des Mauerparkflohmarkts findet ein kleinerer, ruhigerer Flohmarkt statt: der Flohmarkt am Arkonaplatz.
Ein Geheimtipp, als der er in den sozialen Medien gehandelt wird, ist er zwar längst nicht mehr, seinen Charme hat er sich aber bewahrt. Sonntags von 10 bis 17 Uhr verkaufen hier bis zu 100 Händler ihre Ware, Privatpersonen ebenso wie Profis. Bei Sonnenschein schlägt hier jedes Flohmarktherz höher.
Auf dem Flohmarkt am Arkonaplatz findet man allerhand von Wühlkisten voller Schmuck bis zu Deko für die Wohnung.
© Alexander Gonschior/imago
Zu finden sind hier vor allem Kleidung, Schmuck und Möbel. Zum Flanieren eignet sich der Markt um Welten besser als der im Mauerpark. Auch wenn man hier hin und wieder einem Mitstreiter auf den Fuß tritt, geht es deutlich entspannter zu, und das eine oder andere echte Schnäppchen ist noch drin. Wer Flohmarkt noch als Suchen, Stöbern und Entdecken versteht, ist hier richtig.
Massenandrang am MaybachuferDer Flohmarkt am Maybachufer fühlt sich so wenig nach Flohmarkt an, dass er den Namen gar nicht erst für sich beansprucht. „Nowkoelln Flowmarkt“ nennt er sich selbst, ein Hipster-Name, der wohl modern und ansprechend klingen soll.
Das tut er offenbar auch, denn jeden zweiten Sonntag sind die Gänge zwischen den Ständen von 10 bis 17 Uhr rappelvoll. In reinster Reizüberflutung stürzen sich Menschen aller Altersklassen, vor allem aber Jugendliche und junge Erwachsene, auf Kleidung und Ramsch jeder Art.
Am Maybachufer in Neukölln kämpfen sich Besucher jeden zweiten Sonntag durch die fein sortierten Kleiderstangen.
© Jürgen Held/imago
Zwischen ein paar Buden von Privatverkäufern und den Ergebnissen einiger Ausmistaktionen findet man hier vor allem Handgemachtes, Kunst und kuratierte Stände, die im Grunde überteuerte Vintage-Läden sind und sich auf den Flohmarkt stellen, um den horrenden Berliner Mieten zu entgehen. An den Preisen merkt man davon leider nichts.
Obwohl man bei diesem Markt mit viel Glück sicher den einen oder anderen Schnapper machen kann, verstößt er in jeder Hinsicht gegen die inoffiziellen Regeln des Flohmarktbegriffs. Von Suchen und Stöbern keine Spur. Stattdessen greift man sich an der überfüllten Kleiderstange einen Fetzen, der vorher, vielleicht auf einem anderen Berliner Flohmarkt, für einen Bruchteil des Preises eingekauft wurde.
Y2k-Traum zwischen Graffitiwänden auf dem RAW-GeländeEin weiterer Vorreiter unter den Flohmärkten für Teenies und maximal Menschen in ihren Zwanzigern ist der Flohmarkt auf dem RAW-Gelände. Direkt an der Warschauer Straße in Kreuzberg-Friedrichshain verwandelt sich das Kulturareal jeden Sonntag von 8 bis 17 Uhr in einen Flohmarkt.
Empfangen wird man vor allem von Klamotten und Schmuck, und auch die sortierten Kleiderstangen, die wir schon vom Maybachufer kennen, fehlen nicht. Hier trifft man eigentlich immer modisch gekleidete Leute; das Outfit zum Verkaufen oder Stöbern wurde fein säuberlich zusammengestellt, als müsste der eigene Kleiderschrank schon mal Werbung für sich machen.
Auf dem Flohmarkt am RAW-Gelände finden sich inmitten von kuratierten Kleiderstangen auch einige Privatverkäufer.
© Sabine Gudath/imago
Zwischen Händlern und Kunsthandwerkern mit selbstgemachtem Schmuck aus altem Besteck findet man auch Privatverkäufer. Doch auch deren Preise sind bis zum Äußersten hochgetrieben. Ein Ort voller Style und Einzigartigkeit, aber Schätze sind hier wohl eher rar. Oder auch: außen hui, innen pfui.
Der Boxi: Mauerpark im KleinformatEinige Straßen weiter findet man auch schon den nächsten Flohmarkt: den Flohmarkt am Boxhagener Platz – oder auch kurz: der Boxi. Dieser Flohmarkt ist quasi die Fusion aus Mauerpark und Arkonaplatz.
An dem idyllischen Platz reihen sich Stände aneinander, die von kuratierter 2000er-Kleidung über handgemachten Schmuck bis hin zu Möbeln und gefälschten Designertaschen alles verkaufen, was als Flohmarktware durchgeht.
Auch der Flohmarkt am Boxhagener Platz lockt mit seinem Angebot und Ruf eine Vielzahl an Touristen an.
© Jürgen Held/imago
Wie im Mauerpark sind sonntags von 10 bis 18 Uhr reichlich Touristen unterwegs, um sich authentisches Berliner Flohmarkt-Flair abzuholen. Flohmarktschätze und besondere Funde kann man hier lange suchen. Der Höhepunkt sind die süßen Cafés und Restaurants rund um den Platz.
Marheinekeplatz: Marktidylle mit latentem UringeruchWer den Touristen-Anlaufstellen lieber ausweicht und einen familiären Markt mit etwas Entschleunigung sucht, macht mit dem Flohmarkt am Marheinekeplatz nichts falsch.
In Kreuzberg, am Ende der Bergmannstraße, findet samstags (10 bis 16 Uhr) und sonntags (11 bis 17 Uhr) ein Trödelmarkt der gemütlichen Sorte statt. Das Angebot ist breit gefächert: Kleidung, Antiquitäten, Schallplatten, Kunst und Handarbeit. Zum Stöbern gibt es jede Menge, und die Preise sind zum großen Teil sehr fair.
Die rot-weiß gestreiften Dächer des Flohmarkts am Marheinekeplatz laden samstags und sonntags zum gemütlichen Stöbern ein.
© Rolf Kremming/imago
Unter den rot-weiß gestreiften Dächern der Buden bekommt man vor allem an sonnigen Herbsttagen richtig Lust aufs Stöbern und Feilschen. Wäre da nur nicht der Gestank, der sich hartnäckig über den ganzen Platz legt. Zieht an der einen Ecke noch der Fischgeruch aus der angrenzenden Markthalle herüber, riecht es ein paar Meter weiter nach Müll und noch ein paar Meter weiter streng nach Urin.
Da kann man noch so einen schönen Vintage-Fund machen: Wer ihn in einer Kulisse voll unangenehmer Gerüche erstanden hat, nimmt trotzdem immer eine kleine Enttäuschung mit nach Hause.
Zwischen den U-Bahn-Stationen Hermannstraße und Neukölln liegt der Flohmarkt am Kranoldplatz. Fast jeden Sonntag findet der Markt von 11 bis 17 Uhr statt und lockt zum Trödeln an.
Auf dem Flohmarkt am Arkonaplatz findet man eine große Auswahl an Kleidung von Privatverkäufern.
© Seeliger/imago
Hier findet man vor allem Kleidung, diese aber noch von vielen Privatverkäufern. Ein etwas bodenständigerer Markt, der die Preisanstiege der letzten Jahre aber dennoch mitbekommen hat.
Viele junge Menschen tummeln sich hier, und die Atmosphäre ist irgendwie ausgelassener als auf den meisten anderen Märkten der Stadt. Zur Mittagszeit und bei gutem Wetter verwandelt sich aber auch dieser Markt in eine Art Massenkarambolage. Wer früh kommt, wird belohnt.
Der wahre Geheimtipp: HofflohmärkteDie Alternative findet sich allerdings nicht auf der Liste der großen Märkte, sondern hinter den Haustüren der Stadt. Hofflohmärkte sind klein, nachbarschaftlich und herrlich unaufgeregt. Hier öffnen Menschen ihre Hinterhöfe und Hauseingänge und verkaufen, was sich über die Jahre angesammelt hat: Bücher, Geschirr, Kinderkleidung, Omas Vasen. Keine Touristenmassen, keine kuratierten Kleiderstangen, keine Händler, die ihren Primark-Bestand veredeln.
Hofflohmärkte sind in Berlin selten und schwer zu finden. Dafür lohnen sie sich aber umso mehr.
© Markus Matzel/imago
Der Haken: Sie zu finden, ist die eigentliche Herausforderung. Hofflohmärkte werden selten groß beworben. Meist hängen nur ein paar Zettel an Laternen und Hauseingängen oder die Termine kursieren in Nachbarschaftsgruppen und auf Instagram. Wer sie entdecken will, muss die Augen offenhalten oder auf einen Zufallsfund hoffen. Genau das macht einen großen Teil ihres Reizes aus: Hier wird noch gesucht, bevor man etwas findet.
Fazit: Ruhetag? Von wegenSo sehr man die Berliner Flohmärkte auch in Schubladen stecken und ihnen Stempel aufdrücken möchte, so groß bleibt der besondere Charme jedes einzelnen Marktes, dessen Unberechenbarkeit diese Art des Einkaufens im Kern ausmacht. Nicht immer muss es der antikste Fund oder der niedrigste Schnäppchenpreis sein. Meistens reicht auch einfach ein Spaziergang über die einzig belebten Orte des Ruhetags Sonntag.
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