Ruhestand ohne Aufgabe: Was Rentner gegen Leere und Einsamkeit tun können – über 230 Gemeinschaftsgärten in Berlin als Weg zurück.
Dreizehn Stunden am Tag, vier Jahrzehnte lang. Dann kam die Rente, und das Telefon blieb stumm.
So beschreibt ein 68-jähriger früherer Firmenmanager aus Mailand sein erstes Jahr im Ruhestand. Die italienische Tageszeitung La Repubblica hat seinen Brief in ihrer Reihe „Rinascite“ veröffentlicht, auf Deutsch: Wiedergeburten. Das Blatt nennt ihn nur Lorenzo S.
Sein Fall zeigt, wie hart der Rentenschock ausgerechnet jene treffen kann, die im Beruf ständig gefragt waren.
Lorenzo S. hatte sich auf die Rente gefreut. Endlich Zeit für seine Frau und für all das, was er jahrelang aufgeschoben hatte.
Ein paar Monate ging das gut. Dann war er ausgeruht und begann sich zu langweilen. Wer ihn früher täglich gebraucht hatte, rief nicht mehr an.
„Die Welt drehte sich auch ohne mich bestens weiter“, schreibt er. Stundenlang saß er vor dem Fernseher, ohne hinzusehen. Seine Frau bemerkte, dass er stiller und gereizter wurde.
Am schlimmsten sei nicht der fehlende Job gewesen, schreibt der Italiener, sondern das Gefühl, niemandem mehr zu nützen.
Fachleute sprechen vom Empty-Desk-Syndrom. Mit dem Schreibtisch verschwinden Tagesstruktur und berufliche Anerkennung.
Wie ernst das werden kann, zeigt eine viel zitierte Auswertung des britischen Thinktanks Institute of Economic Affairs. Danach haben Ruheständler ein um rund 40 Prozent höheres Depressionsrisiko als Berufstätige.
Besonders schwer haben es Menschen, die außerhalb der Arbeit kaum Kontakte und eigene Interessen pflegen. Auf den Mailänder Manager trifft das genau zu: Für Hobbys hatte er nach eigenen Worten nie Zeit.
Wer daraus folgert, man solle eben bis 70 im Büro bleiben, macht es sich zu leicht. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hat am Beispiel einer Rentenreform gezeigt, dass ein späterer Ruhestand ebenfalls auf die Gesundheit schlägt.
Frauen des Jahrgangs 1952 mussten wegen der Reform länger arbeiten. Zwischen 60 und 62 hatten sie häufiger stressbedingte Erkrankungen als der Jahrgang 1951.
Der Abschied vom Beruf braucht deshalb einen Plan. Lorenzo S. hatte keinen. Er fand seinen Ausweg per Zufall.
Ein Freund namens Claudio überredete ihn, bei einem Gemeinschaftsgarten in der Stadt mitzumachen. Lorenzo S. hatte noch nie etwas angepflanzt und fand die Idee nach eigenen Worten bizarr.
Im Garten arbeiteten Studenten neben Rentnern. Für seinen früheren Posten interessierte sich dort niemand.
Leicht fiel ihm das nicht. Der Ex-Chef ertappte sich dabei, anderen erklären zu wollen, wie es richtig geht. Erst mit der Zeit habe er gelernt zuzuhören, auch Leuten, die zwanzig Jahre jünger sind.
Heute ist er jede Woche dort. Ein Teil der Ernte geht an bedürftige Familien im Viertel, Schulklassen kommen zu Besuch.
Für die Wirkung von Gemeinschaftsgärten gibt es inzwischen harte Daten. Forscher der University of Colorado Boulder haben sie in einer randomisierten Studie gemessen, erschienen 2023 im Fachjournal The Lancet Planetary Health.
291 Erwachsene ohne Gartenerfahrung wurden per Los aufgeteilt. Die eine Hälfte bekam ein Beet, die andere musste ein Jahr warten.
Die neuen Gärtner bewegten sich pro Woche rund 42 Minuten mehr, ihr Stress- und Angstniveau sank. Am meisten profitierten jene, die am stärksten belastet gestartet waren.
Die Teilnehmer waren allerdings im Schnitt 41 Jahre alt. Ob Rentner genauso profitieren, hat die Studie nicht eigens untersucht.
In Berlin liegt der nächste Garten selten weit weg. Als der Senat im Januar 2023 ein eigenes Gemeinschaftsgarten-Programm beschloss, wurde bereits in mehr als 230 Gärten in allen Bezirken gemeinsam gegärtnert.
Eine interaktive Karte des Landes zeigt die Projekte. Wer mitmachen will, fragt am besten direkt bei der Gruppe vor Ort.
Lorenzo S. zieht eine Bilanz, die manchem Ex-Chef wehtun dürfte. Er habe jahrelang Respekt mit Macht verwechselt.
„Heute ist es mir egal, wichtig zu sein. Es reicht mir, mich nützlich zu fühlen.“
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