Manchester City wird in 115 Finanzvergehen schuldig gesprochen. Das denkbare Strafmaß reicht bis zum Zwangsabstieg und dem Verlust dreier Meisterschaften.
Manchester City wird von der englischen Premier League in 115 Vergehen schuldig gesprochen. Das denkbare Strafmaß reicht bis zum Zwangsabstieg und dem Verlust dreier Meisterschaften. Fragen und Antworten zum Finanzskandal.
Wie die Premier League mitteilte, soll ManCity seine Einnahmen unter anderem mit Hilfe sogenannter Scheinverträge mit Sponsoren künstlich erhöht und zugleich seine Kosten gedrückt haben. Die unabhängige Kommission bezifferte den Effekt im betroffenen Zeitraum auf mehr als 900 Millionen Pfund (umgerechnet rund 1,05 Milliarden Euro).
Angeklagt hatte die Premier League den Klub im Februar 2023 nach mehrjährigen Ermittlungen, die durch Enthüllungen der „Football Leaks“ im „Spiegel“ ausgelöst worden waren. Die Vorwürfe reichen von falschen Angaben zu Finanzen und Sponsoringeinnahmen bis zu unvollständigen Informationen über Trainer- und Spielergehälter. Obendrein soll City bei der Aufklärung nicht ausreichend mit der Liga kooperiert haben. Konkret sind die 115 Punkte wie folgt aufgedröselt:
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80 betreffen Finanzvorschriften. 54 davon falsche Angaben zu den Finanzen, vor allem zu Sponsoreneinnahmen, 14 zu den Zahlungen an Spieler und Trainer, 5 Verstöße gegen die Finanzregeln der Uefa und 7 gegen die Rentabilitätsregeln der Premier League. Die übrigen 35 betreffen die mangelnde Mitwirkung an der Untersuchung zwischen Dezember 2018 und Februar 2023.
Das europäische Fußball-Schwergewicht muss mit schweren Sanktionen rechnen, zu denen ein massiver Punktabzug oder sogar der Ausschluss aus der Premier League gehören könnten. Denkbar gilt zudem die Aberkennung von gewonnenen Meisterschaften (dazu gleich mehr).
Richard Masters, Chef der Liga, bezeichnet das Verfahren als „den bedeutendsten Fall in der Geschichte der Premier League“. Nachdem die Vorwürfe als erwiesen gelten, soll in einer weiteren Anhörung vor der unabhängigen Kommission gesondert über die Strafe entschieden werden.
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Es gibt keine Fälle, die nur annähernd die City-Dimension streifen. Im November 2023 zog die Premier League dem FC Everton für einen einzigen Verstoß gegen ihre Rentabilitätsregeln zehn Punkte ab; nach der Berufung blieben sechs. Nottingham Forest verlor im März 2024 aus demselben Grund vier Punkte. Peanuts im Vergleich zu den 115 Manchester-Vergehen. Entsprechend die potenzielle Fallhöhe.
Der Verein, der seit 2008 dem Scheich Mansour aus der Herrscherfamilie von Abu Dhabi gehört, hat die Vorwürfe in der Vergangenheit stets zurückgewiesen. So auch jetzt: ManCity beteuert seine Unschuld und kündigt an, in Berufung zu gehen.
Die Entscheidung, heißt es in einem Statement, enthalte „eindeutige wesentliche Fehler in rechtlicher Hinsicht sowie bei Grundsätzen und Tatsachen“ und sei daher nicht tragfähig. Tatsächlich spricht Geschäftsführer Ferran Soriano sogar von einer „Verschwörungstheorie der Premier League“. Klubchef Khaldoon Al Mubarak prangert an, es gebe „noch immer viele, die den Aufschwung unseres Vereins untergraben wollen“.
Die „BBC“ schreibt von einem „absolut beispiellosen Ausmaß im gesamten Sport“. Die „Daily Mail“ fordert, nicht allein die drei betroffenen Meisterschaften, sondern gleich „alle acht Premier-League-Titel“ wegzunehmen und den Klub zum Zwangsabstieg zu verdonnern: „Der englische Fußball ist irreparabel beschädigt und wird nie wieder derselbe sein.“
Selbst der seriöse „Guardian“ nennt das Urteil „erschreckend“; der Ruf und die Integrität von ManCity „liegen in Trümmern, zerrissen in sorgfältig formulierten juristischen Worten“. Die „Sun“ formuliert es deutlich plakativer: „Kein Wunder, dass andere Vereine Blut sehen wollen. Die Strafe muss so brutal sein wie das Urteil.“
Diese Meinung teilt (wenig überraschend) die Manchester-United-Legende Roy Keane. „Was auch immer sie in den vergangenen Jahren gewonnen haben – sie verdienen es, bestraft zu werden“, sagt Keane bei ITV. „Sie haben betrogen. Sie wurden dafür für schuldig befunden und müssen die Konsequenzen tragen.“
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Im betroffenen Zeitraum, also den Spielzeiten von 2009/10 bis 2017/18, holte City dreimal die Meisterschaft: 2012 in einem irren Saisonfinale punktgleich mit Stadtrivale United; 2014 zwei Zähler vor dem FC Liverpool; 2018 satte 19 Punkte vor United.
In diesem Szenario würden United (zweimal) und Liverpool nachträglich zum Champion ernannt werden. Ex-Stürmer Wayne Rooney war 2012 für United dabei. Obwohl City lediglich aufgrund der minimal besseren Tordifferenz triumphierte, sagt Rooney heute: Ich will den Titel gar nicht!
„Ehrlich gesagt würde ich mich nicht wohl dabei fühlen, eine weitere Premier-League-Medaille entgegenzunehmen. Denn ich glaube nicht, dass wir sie verdient haben“, kommentiert der 40-Jährige im Podcast „Stick to United“. Rooney weiter:
„Wir haben in jener Saison nicht genug geleistet, um die Meisterschaft zu gewinnen. Man mag sie uns vielleicht zusprechen, aber ich würde sie nicht haben wollen.“
Als Liverpool 2014 als Vize einlief, hatte die Ära Jürgen Klopp noch nicht begonnen – den möglichen Titel dürfte sich dessen Vorgänger Brendan Rodgers ans Revers heften. Bei United wären es Sir Alex Ferguson (2012) sowie José Mourinho (2018). Auf der Gegenseite würden die City-Coaches Roberto Mancini (2012), Manuel Pellegrini (2014) und Pep Guardiola (2018) je eine Meisterschaft verlieren.
Es ist nicht das erste Mal, dass ManCity für finanzielle Unregelmäßigkeiten bestraft wird. Schon 2020 hatte die Uefa den Klub wegen Verstößen gegen das „Financial Fairplay“ für zwei Jahre von den europäischen Wettbewerben ausgeschlossen.
Der Internationale Sportgerichtshof CAS hob die Sperre auf, weil die Vorwürfe teils nicht erwiesen, teils verjährt waren, und senkte die Strafe auf zehn Millionen Euro. Bizarre Ironie: 2021 erreichte City sogar das Champions-League-Finale (und verlor es gegen Thomas Tuchels Chelsea).
Spaniens Weltmeisterkapitän Rodri, der von 2019 bis 2026 bei City spielte, erinnert nun an die damalige Zeit: „Auch dort wurden wir in erster Instanz für schuldig befunden, aber wir haben an die Unschuld geglaubt, die der Verein stets beteuert hat, und am Ende wurden wir freigesprochen. Deshalb glaube ich an das Rechtssystem und die Unschuld des Vereins.“
mit Material der dpa