Wer seine Kreditkarte verliert, ist erstmal schockiert. Bei mir meldete sich die ehrliche Finderin aber noch bevor ich es überhaupt bemerkte.
Wer seine Kreditkarte verliert, ist erstmal schockiert. Bei mir blieb der große Schock allerdings aus, denn die ehrliche Finderin meldete sich noch bevor ich den Verlust überhaupt bemerkte.
Am Ende eines sehr langen Tages treffe ich Bärbel zum ersten Mal. Bis heute Morgen wusste ich nichts von ihr. Jetzt weiß ich nur, dass sie ein guter Mensch sein muss. Im weiten Cardigan öffnet sie die Tür ihrer Altbauwohnung. „Komm rein“, sagt sie und lächelt.
Das Schicksal oder der Zufall – was davon gibt es wirklich? – führt uns zusammen, als ich am Morgen vom Bäcker ins Homeoffice haste. Zwei Brötchentüten in der einen Hand, das Diensthandy in der anderen. Rüber die große Kreuzung. Schnell die Treppen hoch. Arbeiten.
Während eines Calls ploppt wenig später eine Mail von unserer Unternehmenskommunikation auf. Betreff: Kreditkartenfund. Meine Augen weiten sich, intuitiv lege ich meine Hand auf die rechte Hosentasche. Sie ist leer. Mit schnellen Klicken öffne ich die Mail.
„Hallo, habe soeben eine Kreditkarte von Pauline Naethbohm in Hamburg gefunden. Können Sie einen Kontakt herstellen, damit sie ihre Karte zurückbekommt. Dieses ist die einzige Möglichkeit, Kontakt aufzunehmen. Grüße aus Hamburg. Bärbel.“
Die Chancen dafür waren recht gering, schätze ich. Immerhin war mir die Karte an einer stark frequentierten, vierarmigen Kreuzung mit zwei Bushaltestellen aus der Tasche gefallen. Von den mehr als tausend Menschen, die in der Zwischenzeit dort vorbeikamen, wäre manch einer wohl erstmal shoppen gegangen.
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Wie blöd haue ich in die Tasten, um Bärbel überschwänglich zu danken. Dann halte ich kurz inne – und rufe meine Bank an, um die Karte vorsorglich sperren zu lassen. Später fühle ich mich fast schäbig deswegen. Bärbel scheint sehr freundlich zu sein. Aber Sicherheit geht vor.
Wir verabreden uns zur feierlichen Kreditkartenübergabe. Bei ihr zu Hause, 21.15 Uhr. Anders geht es an diesem Tag nicht, und tags drauf bin ich auf Dienstreise. Für Bärbel geht das in Ordnung. Ich staune jetzt nicht mehr nur über Ehrlichkeit, sondern auch ihre Offenheit, eine komplett fremde Verpeilte um diese Uhrzeit in ihrer Wohnung zu empfangen.
Als ich später klingle, ertönt eine ältere Frauenstimme aus der Fernsprechanlage und bittet mich nach oben. Mit einer Packung Merci und einem Gutschein in der Hand spurte ich die Stufen hoch.
Bärbel zu treffen, ist ein bisschen wie nach Hause zu kommen. Sie lächelt auch mit den Augen. Ihre Wohnung ist in ein warmes Licht getaucht, aus dem Wohnzimmer ertönt leise der Fernseher. Sie bittet mich in den Flur. „Die Schuhe kannst du anlassen.“
Schüchtern stelle ich mich auf eine Fußmatte nahe der Tür. Vermutlich versuche ich, sie dadurch zu überzeugen, dass ich einigermaßen korrekt bin – und ihrer Ehrlichkeit würdig.
Bärbel beginnt fröhlich und lebhaft zu erzählen. Darüber, wie sie meine Karte bei der Ampel vor der Bäckerei fand. Nach mir googlete und sich erfolglos mit dem KI-gesteuerten Anrufbeantworter einer anderen Firma abmühte.
Mit einem Mitarbeiter der Sperrhotline meiner Bank diskutierte und versuchte, mir die Karte über meine Bank zukommen und schließlich sperren zu lassen. Und dass sie schließlich meinen richtigen Arbeitgeber kontaktierte.
Beeindruckt und auch gerührt stehe ich auf ihrer Fußmatte. Ich versuche, ihr für diese Mühen, die sie wahrscheinlich den halben Morgen gekostet hatten, angemessen zu danken. Den Gutschein und die Schokolade will Bärbel fast nicht annehmen.
Wir plaudern eine Viertelstunde, und sie macht keine Anstalten, mich loswerden zu wollen. Schließlich schmeiße ich mich halb selbst raus – allein wegen der späten Uhrzeit. Denn mit Bärbel, so scheint es mir, könne man sich noch ewig angenehm unterhalten. Beim Abschied winke ich ihr zu. Am liebsten hätte ich sie umarmt. Aber wir sind hier immer noch in Norddeutschland.
Unten auf der Straße schaue ich nochmal zu ihrem Fenster hoch. Ein warmes Gefühl steigt in mir auf. Was für feine Seelen es auf dieser Welt gibt.
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