Allein kennt man den eigenen Körper. Beim Sex zu zweit kommen Wünsche, Erwartungen und Druck hinzu. Warum gerade Frauen den Orgasmus dann oft als Prüfung erleben und wie sie sich davon lösen können.
Allein kennt man den eigenen Körper. Beim Sex zu zweit kommen Wünsche, Erwartungen und Druck hinzu. Warum gerade Frauen den Orgasmus dann oft als Prüfung erleben und wie sie sich davon lösen können.
„Wenn ich mich selbst befriedige, komme ich problemlos. Aber mit meinem Partner klappt es einfach nicht.“ Gerade Frauen berichten häufig von dieser Erfahrung – und viele glauben, mit ihnen stimme etwas nicht. Dabei steckt darin zunächst eine beruhigende Information: Der Körper kann Lust erleben und zum Orgasmus kommen. Offenbar braucht er dafür nur bestimmte Bedingungen, die bei der Selbstbefriedigung vorhanden sind und beim Sex zu zweit möglicherweise fehlen.
Regina Heckert ist Leiterin von BeFree Tantra, Sexualberaterin, Buchautorin und Expertin für die Lust der Frau. Sie ist Teil unseres Expertennetzwerks EXPERTS Circle.
Allein kennt man den eigenen Körper. Man weiß, welche Berührung angenehm ist, welches Tempo passt, wann man etwas verändern möchte – und muss niemandem erklären, was gerade gebraucht wird. Beim Sex zu zweit kommt ein zweiter Mensch hinzu. Und damit nicht nur dessen Körper, sondern auch Wünsche, Erwartungen und manchmal Leistungsdruck.
Deshalb sollten sich Betroffene nicht fragen, warum es beim Sex zu zweit einfach nicht funktioniert, sondern überprüfen, was genau anders ist, wenn sie allein sind.
Viele Menschen haben im Laufe der Jahre eine sehr individuelle Art entwickelt, sich selbst zum Orgasmus zu bringen. Der Körper hat gelernt: So funktioniert es für mich. Beim Sex mit einem Partner geschieht dagegen möglicherweise etwas ganz anderes. Besonders hartnäckig hält sich die Vorstellung, guter Sex müsse einem bestimmten Ablauf folgen und der Orgasmus sollte sich dabei möglichst von selbst einstellen.
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Gerade für viele Frauen funktioniert das nicht. Sie benötigen andere oder zusätzliche Formen der Stimulation, als sie beim klassischen Geschlechtsverkehr entstehen. Das ist keine sexuelle Störung. Menschen unterscheiden sich darin, was sie erregt und wie ihr Körper zum Orgasmus gelangt. Selbstbefriedigung könnte deshalb viel stärker als Informationsquelle betrachtet werden. Sie zeigt:
Wer seinen Körper gut kennt, hat damit eigentlich einen Vorteil. Die Herausforderung besteht darin, wie dieses Wissen in die gemeinsame Sexualität hineingetragen werden kann.
Nach einigen sexuellen Begegnungen ohne Orgasmus beginnt häufig ein ungünstiger Kreislauf. Mitten im Sex tauchen Gedanken auf:
Plötzlich wird die eigene Lust beobachtet, anstatt erlebt. Auch der Partner kann unbeabsichtigt Druck erzeugen. Die gut gemeinte Frage „Bist du gekommen?“ kann sich irgendwann wie eine Erfolgskontrolle anfühlen. Besonders schwierig wird es, wenn der Orgasmus des anderen als Beweis der eigenen sexuellen Fähigkeiten verstanden wird. Dann soll einer kommen, damit der andere sich als guter Liebhaber fühlen kann. Genau dieser Druck kann das Gegenteil bewirken. Ein Orgasmus lässt sich nicht erzwingen. Wer innerlich ständig überprüft, wie weit er schon ist, kann sich schlechter fallen lassen. Allein gibt es diese Prüfungssituation dagegen nicht. Niemand wartet auf ein Ergebnis. Und genau diese Freiheit kann ein wesentlicher Teil der Erklärung sein.
Sexuelle Erregung hängt nicht nur davon ab, wie ein Mensch berührt wird. Ebenso entscheidend ist, was währenddessen im Kopf passiert.
Eine Frau erzählte mir einmal, dass sie allein sehr leicht zum Orgasmus kam, mit ihrem Mann dagegen fast nie. Die Beziehung war liebevoll und auch der Sex grundsätzlich schön. Erst allmählich wurde ihr bewusst, dass sie beim gemeinsamen Sex ständig darauf achtete, ob ihr Mann zufrieden war. Ein Teil ihrer Aufmerksamkeit war immer bei ihm. Als sie sich erlaubte, ganz selbstverständlich nur bei ihrer eigenen Lust zu bleiben, veränderte sich etwas. Sie musste nicht mehr gleichzeitig genießen und dafür sorgen, dass es dem anderen gut ging. Gerade Menschen, die im Alltag stark auf andere achten, dürfen beim Sex manchmal etwas ganz Neues lernen: Lust darf auch egoistisch sein.
Viele Paare reden erstaunlich wenig darüber, wie sie tatsächlich berührt werden möchten. Einer probiert etwas aus, der andere reagiert – und beide hoffen, dass es irgendwie passt. Gleichzeitig fällt es vielen schwer, konkrete Wünsche zu äußern. Besonders heikel wird es, wenn Selbstbefriedigung zuverlässig funktioniert. Der Partner könnte die Botschaft hören: „Allein kann ich es besser als mit dir.“ Doch darum geht es nicht. Die hilfreichere Botschaft lautet: „Ich kenne meinen Körper ziemlich gut. Ich möchte dir zeigen, was ihm gefällt.“
Man kann darüber sprechen, die Hand des Partners führen oder auch einmal zeigen, wie man sich selbst berührt. Das ist keine Kritik an seinen Fähigkeiten, sondern eine Einladung, den Körper und seine Vorlieben besser kennenzulernen. Niemand kann Gedanken lesen. Auch ein liebevoller und erfahrener Partner kann nicht automatisch wissen, welche Berührung ein anderer Mensch braucht.
Viel interessanter ist es, neugierig zu werden: Was ist allein anders? Brauche ich eine bestimmte Berührung? Mehr Zeit? Weniger Druck? Mehr Sicherheit? Oder die Erlaubnis, beim Sex eine Weile nur bei mir selbst zu sein? Der eigene Körper versagt nicht, nur weil er beim Sex zu zweit andere Bedingungen braucht. Im Gegenteil: Er zeigt ziemlich genau, was ihm guttut. Wir müssen nur bereit sein, von ihm zu lernen und das Gelernte liebevoll dem Partner zu vermitteln.