Immer mehr Eltern pflegen ein freundschaftliches Verhältnis zu ihren Kindern. Das klingt nach moderner Erziehung, doch Experten warnen: Wer die Eltern- gegen die Kumpelrolle tauscht, nimmt Kindern etwas an anderer Stelle weg.
Immer mehr Eltern pflegen ein freundschaftliches Verhältnis zu ihren Kindern. Das klingt nach moderner Erziehung, doch Experten warnen: Wer die Eltern- gegen die Kumpelrolle tauscht, nimmt Kindern etwas an anderer Stelle weg.
Wann hat sich das eigentlich gedreht? Noch vor wenigen Jahrzehnten war in den meisten Familien klar, wer das Sagen hat. Heute wünschen sich laut einer Erhebung der Pronova BKK fast zwei Drittel aller Eltern, „beste Freunde“ ihres Nachwuchses zu sein – bei den Vätern sind es sogar 72 Prozent. Weniger als die Hälfte der Eltern legen Regeln allein fest, die Mehrheit handelt sie gemeinsam mit den Kindern aus. Und wenn Regeln gebrochen werden? Mehr als die Hälfte bespricht den Verstoß zwar, verzichtet aber auf Konsequenzen.
Ist das Fortschritt oder geht etwas wichtiges verloren?
Der niederländische Entwicklungspsychologe Steven Pont hat sich im Gespräch mit dem Radiosender NNPO Radio 1 ausführlich mit dieser Frage beschäftigt. Pont zeichnet eine Entwicklung nach, die sich über Jahrzehnte vollzogen hat: War die Beziehung zwischen Eltern und Kindern früher vorwiegend hierarchisch geprägt, sei sie ab den 1960er- bis 1980er-Jahren zunehmend egalitärer geworden. Eltern hätten begonnen, sich stärker auf die Meinungen und Gefühle ihrer Kinder einzulassen. Das Ergebnis:
So weit, so positiv. Doch Pont sieht auch eine Kehrseite und fragt: „Was ist, wenn man zwölf ist und sagt: Meine Mutter ist meine beste Freundin?“ Wenn Eltern die Rolle von Freunden übernehmen, besetzen sie laut Pont einen Platz, der eigentlich Gleichaltrigen vorbehalten ist. Und das Kind verliert etwas, das nur ein Elternteil bieten kann: eine erwachsene Bezugsperson, die auch mal nein sagt.
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Pont plädiert weder für eine Rückkehr zum strengen Erziehungsstil noch für eine Haltung, in der Kinder sich selbst überlassen werden. Sein Ansatz ist die sogenannte autoritative Erziehung, eine Mischung aus Zuwendung und klaren Grenzen. Gerade in der Pubertät, sagt Pont, bräuchten junge Menschen jemanden, der Orientierung gibt und Halt vermittelt.
„Das gibt Sicherheit. Dass ich, wenn es hart auf hart kommt, einen Vater habe, der zu mir steht und mich führt.“
Mit zunehmendem Alter entwickle sich die Beziehung oft ganz natürlich in Richtung Gleichberechtigung. Diesen Prozess solle man aber nicht künstlich in jungen Jahren vorwegnehmen.
Besonders eindringlich warnt Pont in der Sendung vor der sogenannten Parentifizierung. Dabei rutschen Kinder – etwa nach einer Scheidung – in die Rolle eines emotionalen Partners. Ein Elternteil lehnt sich emotional an das Kind an, sucht Trost und teilt Sorgen. Das Kind funktioniert dann wie ein kleiner Erwachsener und übernimmt Verantwortung, was seinem Alter nicht entspricht. Laut Pont kann das auf Kosten der eigenen Entwicklung gehen.
Im Gespräch mit Pont wirft die niederländischen Journalistin Anne Tonen ein, dass Offenheit und Rollenklarheit sich dabei nicht ausschließen müssen. Sie berichtet sie von ihrem Instagram Account, für den sie mit ihrem Vater Videos über Dating und Beziehungen dreht. Ein Clip, in dem sie mit ihrem Vater über ihr Sexualleben spricht, ging viral. Dennoch sagt Tonen klar: „Ich habe einen anderen besten Freund. Und mit dieser Person teile ich fast alles“. Auch wenn sie viele persönliche Gespräche mit ihrem Vater habe, gebe es eine klare Rollentrennung.
Die anfangs erwähnte Pronova-BKK-Studie „Familie und Erziehung 2025“ liefert Einblicke aus Deutschland. Teilgenommen an der repräsentativen Studie haben 2000 Mütter und Väter mit mindestens einem eigenen Kind unter 16 Jahren im Haushalt. Befragt nach ihren wichtigsten Erziehungsstilen, setzen 37 Prozent der Eltern auf Lebensfreude, doppelt so viele wie auf Erfolg.
Jedes fünfte Elternteil gibt an, dem Kind so gut wie jeden Wunsch zu erfüllen. Und während 60 Prozent ihre eigene Kindheit als autoritär geprägt beschrieben, möchten sie es bei ihren Kindern grundlegend anders machen.
Die Freiburger Familienpsychologin Nina Grimm ordnet die Ergebnisse im Interview mit der Pronova BKK ein und benennt die Schattenseite des guten Willens. Der Wunsch, es besser zu machen als die eigenen Eltern, sei nachvollziehbar. Doch er kippe schnell in Konfliktvermeidung.
Grimm macht das an Alltagsszenen fest, die viele Eltern kennen dürften:
Doch Grimm hält genau diese kleinen Reibungssituationen für notwendig. Es sei wichtig, dass Kinder die Erfahrung machen, auf die Nase zu fallen und wieder aufzustehen. „Nur so lernen sie, nur so wachsen sie. Wenn wir ihnen das aus unserem eigenen Sicherheitsbedürfnis heraus vorenthalten, nehmen wir ihnen wichtige Entwicklungserfahrungen.“ Eltern sollten sie dabei begleiten, aber nicht davor bewahren.
Besonders deutlich wird Grimm bei dem Thema Entscheidungsmacht. Eine Neunjährige, die unbedingt ein Smartphone haben möchte und deshalb einen Wutanfall bekommt, brauche Eltern, die diese Wut aushalten. Kindern fehle die kognitive Reife, um alle Konsequenzen ihres Handelns zu überblicken. Grimm sagt:
„Kinder sind gleichwertig. Aber nicht gleichberechtigt.“
Deshalb bräuchten sie Führung. Nicht die autoritäre Sorte, die von oben herab zensiert – sondern einen Rahmen, in dem sie lernen können: Wie setze ich Grenzen, ohne zu verletzen? Wie streite ich fair? Wie finde ich Kompromisse? Grimm formuliert es knapp: Grenzen seien kein Widerspruch zu Liebe, sondern ein emotionales Grundbedürfnis.
Grimm bringt es auf eine einfache Formel:
„Eltern sind Gefährten. Aber keine beste Freundin oder bester Freund.“