Wie wir am Schreibtisch sitzen, beeinflusst nicht nur Rücken und Nacken. Eine neue Studie der McGill University in Kanada zeigt: Auch Stimmung und Risikofreude verändern sich.
Wie wir am Schreibtisch sitzen, beeinflusst nicht nur Rücken und Nacken. Eine neue Studie zeigt: Auch Stimmung und Risikofreude verändern sich.
Wir denken gewöhnlich, unsere Körperhaltung sei das Ergebnis unserer Stimmung. Wer traurig oder erschöpft ist, lässt die Schultern hängen. Wer sich stark und selbstbewusst fühlt, richtet sich auf, hebt den Kopf und nimmt mehr Raum ein.
Doch die Beziehung funktioniert offenbar auch in die andere Richtung: Unsere Körperhaltung kann beeinflussen, wie wir uns fühlen. Eine aktuelle Studie der Psychologen Soren Wainio-Theberge und Jorge Armony von der McGill University in Montreal zeigt, dass bereits die Gestaltung unserer unmittelbaren Umgebung unsere Körperhaltung verändern kann – und, dass diese unbewusste Veränderung wiederum Auswirkungen auf Stimmung und Verhalten haben kann.
Stefan Woinoff ist Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie sowie Beziehungsexperte von www.50plus-Treff.de. Er ist Teil unseres Expertennetzwerks EXPERTS Circle.
Das wirft eine interessante Frage auf: Wie sehr beeinflusst der Raum, in dem wir arbeiten, den inneren Zustand, in dem wir arbeiten?
Diese Verbindung verläuft jedoch nicht nur von der Psyche zum Körper, sondern auch vom Körper zur Psyche. In der Psychologie spricht man von „Embodiment“. Vereinfacht bedeutet das: Denken und Fühlen finden nicht losgelöst vom Körper statt.
Unser Gehirn verarbeitet ständig Informationen darüber, wie wir atmen, wie angespannt unsere Muskeln sind und welche Haltung wir einnehmen. Genau hier setzt die neue Studie an. Die Forscher wollten vermeiden, ihren Versuchspersonen ausdrücklich zu sagen: „Setzen Sie sich aufrecht hin“ oder „Machen Sie sich klein“. Denn darin lag ein Problem früherer Untersuchungen zum sogenannten „Power Posing“:
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Wer weiß, dass er eine selbstbewusste Haltung einnehmen soll, ahnt möglicherweise auch, was die Forscher von ihm erwarten. Deshalb wählten die Wissenschaftler einen anderen Weg: Sie veränderten die Umgebung.
128 Versuchspersonen bearbeiteten Aufgaben an einem Tablet. Dessen Position wurde so verändert, dass die Teilnehmer automatisch entweder eine eher aufrechte, offene oder eine stärker zusammengesunkene, kontrahierte Körperhaltung einnahmen. Unter anderem wurde dabei der Winkel des Nackens erfasst. Die Versuchspersonen mussten also nicht bewusst „stark“ oder „schwach“ sitzen. Die Umgebung brachte ihren Körper nebenbei in die jeweilige Position.
Die Körperhaltung zeigte Zusammenhänge mit der Stimmung. Insbesondere der tatsächliche Nackenwinkel sagte Veränderungen der positiven Stimmung und des empfundenen Stolzes voraus. Noch bemerkenswerter: Auch die Risikobereitschaft veränderte sich.
Diese wurde mit einem etablierten psychologischen Verfahren gemessen. Dabei können Teilnehmer einen virtuellen Ballon immer weiter aufblasen und dadurch ihren möglichen Gewinn erhöhen. Gleichzeitig steigt mit jedem weiteren Schritt das Risiko, dass der Ballon platzt und der Gewinn verloren geht.
Teilnehmer in einer expansiveren Körperhaltung verhielten sich risikofreudiger. Besonders interessant war, dass Effekte auch bei jenen Teilnehmern beobachtet wurden, die überhaupt nicht bemerkt hatten, dass ihre Körperhaltung durch die Position des Tablets beeinflusst worden war. Die Umgebung kann also unseren Körper verändern, ohne dass wir darauf achten – und der Körper wiederum kann offenbar unser Erleben und Verhalten mitprägen.
Viele Menschen verbringen sechs, acht oder mehr Stunden täglich vor einem Bildschirm. Der Laptop steht zu niedrig, der Blick geht nach unten, der Kopf wandert nach vorne und die Schultern sinken ein. Nach einigen Stunden sitzt man nicht mehr vor dem Computer, sondern hängt regelrecht darüber.
Bislang betrachten wir das vor allem als orthopädisches Problem: Nackenverspannungen, Rückenschmerzen oder Kopfschmerzen.
Psychologisch könnte aber noch etwas anderes passieren. Der Körper verbringt viele Stunden in einer Position, die der Körpersprache von Müdigkeit, Rückzug und Unsicherheit ähnelt. Das bedeutet natürlich nicht, dass ein zu niedriger Schreibtisch Depressionen verursacht. Eine solche Schlussfolgerung erlaubt die Studie keinesfalls.
Aber möglicherweise erhält unser Gehirn über längere Zeit subtile körperliche Rückmeldungen, die unser emotionales Erleben mitprägen.
Der gesenkte Kopf ist ein uraltes soziales Signal. Menschen kommunizieren nicht nur mit Worten, sondern auch über Körperhaltung, Blickrichtung und räumliche Ausdehnung. Wer sich sicher fühlt, richtet sich eher auf, schaut geradeaus und beansprucht Raum. Wer sich bedroht, traurig oder unterlegen fühlt, macht sich tendenziell kleiner. Unser Gehirn kennt diese Muster seit frühester Kindheit.
Deshalb erscheint es plausibel, dass eine Körperhaltung, die solchen emotionalen Zuständen ähnelt, psychisch nicht völlig neutral bleibt. Das Gehirn registriert schließlich nicht: „Mein Bildschirm steht ergonomisch ungünstig.“ Es erhält zunächst körperliche Informationen: Kopf gesenkt, Nacken gebeugt, Oberkörper kontrahiert. Aus vielen solchen Signalen entsteht unser momentanes Befinden.
Eine 52-jährige Abteilungsleiterin erzählte mir einmal, sie fühle sich nach langen Tagen im Homeoffice regelmäßig „wie zusammengesunken“. Sie meinte das zunächst rein psychisch.
Als wir ihre Arbeitssituation genauer betrachteten, zeigte sich aber auch etwas ganz Körperliches: Sie arbeitete seit Monaten an einem kleinen Tisch mit einem deutlich zu niedrig stehenden Laptop. Der Kopf war ständig nach vorne geneigt, die Schultern fielen nach unten. Sie erhöhte den Bildschirm, veränderte ihre Sitzposition und begann, zwischendurch bewusst aufzustehen und einige Schritte zu gehen. Natürlich verschwanden dadurch ihre beruflichen Belastungen nicht. Aber nach einiger Zeit beschrieb sie einen interessanten Unterschied: „Ich bin abends genauso müde – aber ich fühle mich nicht mehr so klein.“ Dieser Satz beschreibt ziemlich genau, worum es beim Embodiment geht.
Die Ergebnisse sollten allerdings nicht überinterpretiert werden. Die Untersuchung umfasste 128 Personen und überwiegend junge Frauen aus einem studentischen Umfeld. Daraus lassen sich keine allgemeingültigen Aussagen für alle Menschen und alle Arbeitssituationen ableiten. Und selbstverständlich macht ein höherer Schreibtisch keinen depressiven Menschen glücklich und keinen unsicheren Menschen plötzlich selbstbewusst. Die populäre Vorstellung, man müsse sich nur zwei Minuten breitbeinig wie Superman hinstellen und werde anschließend automatisch erfolgreicher, ist wissenschaftlich viel zu simpel. Interessant an der neuen Untersuchung ist etwas viel unspektakuläreres – und gerade deshalb für unseren Alltag Relevanteres:
Nicht die spektakuläre Pose könnte entscheidend sein, sondern die unscheinbare Körperhaltung, die wir jeden Tag über viele Stunden einnehmen.
Ein Arbeitsplatz besteht deshalb nicht nur aus Tisch, Stuhl und Bildschirm. Er ist eine Umwelt, die unseren Körper formt. Und unser Körper ist wiederum Teil unseres psychischen Erlebens.
Vielleicht sollten wir bei einem schlechten Arbeitstag deshalb nicht nur auf die To-do-Liste schauen. Sondern zwischendurch auch einmal darauf, wie wir eigentlich dasitzen. Denn manchmal beginnt eine Veränderung der Perspektive tatsächlich damit, den Kopf ein wenig höher zu nehmen.