Der einzige Freisinnige hat eine Schlüsselrolle in der Exekutive und macht mehrheitsfähige Politik. Ist das nun gut oder schlecht für die FDP?
Der einzige Freisinnige hat eine Schlüsselrolle in der Exekutive und macht mehrheitsfähige Politik. Ist das nun gut oder schlecht für die FDP?
14.10.2026, 05.00 Uhr
4 Leseminuten

Til Buergy / Keystone
Michael Baumer ist ein Sonderfall in der Zürcher Stadtregierung. Seit den Wahlen im Frühling ist er der einzige Bürgerliche. In den vergangenen Legislaturen rückte der Stadtrat immer mehr nach links: Bis 2018 stellten die Bürgerlichen immerhin noch ein Drittel der neun Sitze, bis im Frühling konnte sich die FDP mit zwei Vertretern halten.
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Nun ist auch noch Filippo Leutenegger, Baumers langjähriger Sparringpartner, weg. 1:8 lautet das neue Kräfteverhältnis. Baumer steht allein gegen Rot-Grün.
Wie geht es ihm in dieser Rolle? Kann er als Freisinniger überhaupt noch etwas bewirken?
Am Dienstagmorgen sitzt Baumer zusammen mit Christian Sauter, seinem Departementssekretär Energie, in einem Café unweit seines Büros am Beatenplatz. Er hat ein paar Journalisten eingeladen, um im kleinen Kreis seine wichtigsten Projekte der nächsten Jahre vorzustellen.
Der intime Rahmen passt. Baumer ist keiner, der den grossen Auftritt sucht. Anders als der frühere «Arena»-Moderator Filippo Leutenegger, der vor viel Publikum zu Hochform aufläuft.
Baumer macht im Gespräch einen gelösten Eindruck. Er fühle sich wohl im neu zusammengesetzten Stadtrat, sagt er. Als oberster ÖV- und Energiechef hat er durchaus eine Schlüsselposition in einer Stadt, die bis zum Jahr 2040 klimaneutral werden will. Der Ausbau des Bus- und Tramangebots und umweltfreundliche Heizungen sollen einen wesentlichen Beitrag dazu leisten. Das Netto-Null-Ziel steht bei den Linken ganz oben auf der Prioritätenliste. Es wird die Stadt Milliarden kosten.
Er erzählt, dass man beim Ausbau des Fernwärmenetzes gut vorankomme. Auch die Baustelle bei der Tramhaltestelle Bahnhofquai, die ein Jahr lang gesperrt ist, laufe nach Plan. Und den grossen Fahrplanwechsel im letzten Dezember mit zahlreichen Änderungen hätten die Zürcherinnen und Zürcher gut aufgenommen.
Ein kleiner Coup zu Beginn der LegislaturGanz selbstverständlich ist Baumers Rolle im Stadtrat nicht. Die Verteilung der Departemente nach den Wahlen galt als erstes Kräftemessen. Der 52-Jährige musste damit rechnen, ins wenig aufregende Schuldepartement strafversetzt zu werden – wie es einst bei Filippo Leutenegger der Fall war.
Doch Baumer konnte sich halten. Die Machtdemonstration der Linken unter dem neuen Stadtpräsidenten Raphael Golta (SP) blieb aus. Und Baumer gelang ein kleiner, aber wichtiger Coup.
Man kann es als Vertrauensbeweis lesen, dass ausgerechnet ein FDP-Mann zum ambitiösen Netto-Null-Ziel beitragen soll. Oder aber man liest es so: Baumer ist zwar ein Bürgerlicher, aber keine Gefahr mit seiner Politik. Die Vorlagen, die aus seinem Departement an die Urne gelangen, sind allesamt mehrheitsfähig und kommen auch bei linken Städtern gut an.
Im Juni etwa genehmigen die Stimmberechtigten mit 80 Prozent Ja-Stimmen einen Kredit von 2,3 Milliarden Franken für den Ausbau der Fernwärme – laut Baumer «der grösste Rahmenkredit aller Zeiten». Auch die Investitionen in den öV kommen regelmässig problemlos durch. In Zürich ist Geldausgeben einfach.
Personen in seinem Umfeld beschreiben Baumer als Stadtrat, der weiss, wie er sich einbringen kann – und wo die Grenzen der Gestaltungsfreiheit liegen. Ist das nun pragmatisch? Oder mutlos? Er selbst sagt über seine Rolle: «Natürlich habe ich ab und zu eine andere Meinung als meine Kolleginnen und Kollegen. Und die bringe ich auch ein.» In der Exekutive gehe es aber darum, gemeinsam gute Lösungen zu finden.
Selbstverständlich fliegen trotzdem ab und zu kleine Giftpfeile Richtung Baumer. Schliesslich ist er als letzter Bürgerlicher im Stadtrat auch der Einzige, der eine Angriffsfläche für die linken Parteien bietet.
Als der Gesamtstadtrat jüngst erklärt, wie er das günstige ÖV-Abo für alle umsetzen will, heult die SP auf. Insbesondere, weil der Stadtrat die Gutschrift für ein 365-Franken-Abo kürzen will, sollte sich die finanzielle Situation der Stadt verschlechtern. Die SP kommentiert dies mit den Worten: «Michael Baumer versucht den Volksentscheid zu untergraben.»
Es ist ein durchsichtiges Manöver. Als der Stadtrat einen Tag später die Umsetzung der Prämienentlastungsinitiative bekanntgibt und erklärt, dass die Zulagen auch hier bei schlechter Finanzlage verkleinert werden sollten, bleibt eine Kritik der SP an ihrer Sozialvorsteherin Céline Widmer aus.
Er nehme solche Spitzen gelassen, sagt Baumer. «Manche Leute vertragen es nicht, dass auch ein Freisinniger vernünftige Politik machen kann.»
Ein Hauch von KritikVielleicht ist Baumer auch deshalb so entspannt, weil die Sparmassnahmen, die der Stadtrat beschlossen hat, sein Departement kaum betreffen. Wenn im Dezember im Parlament über das Budget 2027 gestritten wird, kann er sich zurücklehnen.
Der Ausbau des öV und der erneuerbaren Energien ist gesichert. Der öV wird von Stadt, Kanton und Bund gemeinsam gestemmt, der Bereich Energie mit Gebühren finanziert. Kommt hinzu: Wenn die Stadt weniger Geld ausgeben will, ist das ganz im Geiste der Freisinnigen.
Projekte, die Baumer anreisst, gibt es genug. Sie sind ganz im Sinne der Linken. Ein Hauch von Kritik blitzt etwa dann auf, wenn er durchblicken lässt, dass sich die SP aus seiner Sicht besser für mehr Investitionen in den öV einsetzen solle, als ihn zu verbilligen.
Filippo Leutenegger sah sich als Stachel im Fleisch des rot-grünen Stadtrats. Baumer schwimmt mehr mit dem Strom. Profil gewinnt er damit kaum. Aber er sichert den Bürgerlichen ihren letzten Sitz.