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Warnung vor dem Klischee: Autor Ralph Gerstenberg plädiert für differenziertes Bild des ostdeutschen Mannes

Дата публикации: 17-10-2026 11:38:29

Der ostdeutsche Mann ist arbeitslos, rechtsradikal und demokratieunfähig – so das Klischee. Ralph Gerstenberg warnt in seinem neuen Buch vor einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung und plädiert für Differenzierung.

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Neues Buch

"Der ostdeutsche Mann": Klischee und Wirklichkeit

Stand: 17.10.2026 13:38 Uhr

Seit über 30 Jahren hält sich in den Medien das Klischee des provinziellen ostdeutschen Mannes. Dieser ist arbeitslos, rechtsradikal und demokratieunfähig. Der Autor Ralph Gerstenberg konnte sich nie mit diesem Typ Mann identifizieren. In seinem Essay "Der ostdeutsche Mann" warnt er vor Stigmatisierung und zeichnet stattdessen ein differenzierteres Bild.

von MDR Kulturdesk

Ein Handy liegt auf einer Laptoptastatur. Das Display zeigt das Google Logo

Seit der Wende geht es mit dem Image des ostdeutschen Mannes bergab. Spätestens zur Zeit der rechten Ausschreitungen wird er im Fernsehen der 90er-Jahre zu einer Witzfigur und zu einem gefährlichen Klischee seiner selbst: arbeitslos, peinlich, Nazi.

Männlichkeit im Osten: im Schatten von Pegida

Die sogenannten Baseballschlägerjahre seien prägend gewesen für das Bild des ostdeutschen Mannes, sagt der Autor Ralph Gerstenberg. Später seien noch die männlichen Vertreter auf Pegida-Demonstrationen hinzugekommen, die Journalisten attackierten oder beschimpften: "Es gab diesen sogenannten 'Hutbürger', der einem Kamerateam verbieten wollte, ihn zu filmen. Und dieser Anglerhut in den Farben Schwarz-Rot-Gold, der schaffte es auch auf das Titelcover des Spiegels. Und so verstetigte sich das eigentlich bis heute."

Rechtsextreme Ausschreitunge in Hoyerswerda am 17. September 1991. Auch ein neuer Typ Mann wird hier sichtbar.

Die unsichtbare Mitte

30 Jahre nach der Wende ist der ostdeutsche Mann immer noch eine ideale Projektionsfläche für Zurückgebliebenheit und Provinzialität schlechthin. Der Journalist Ralph Gerstenberg stammt aus Ostberlin. Als die Mauer fällt, ist der gelernte Elektriker 25 Jahre alt. Ein ostdeutscher Mann, der sich in den stupiden Stereotypen nicht wiedererkennt. Jetzt hat er einen Essay geschrieben über dieses Phantom und Phänomen. Er nennt sein Buch "eine soziokulturelle Selbsterkundung".

Das sind Männer, die in der Nachwendezeit aufgewachsen sind und dazu neigen, durchaus eigene Wege zu gehen. Ralph Gerstenberg, Autor von "Der ostdeutsche Mann"

Der ostdeutsche Mann sei eine mediale Schablone, die mit dem realen Vorbild wenig zu tun habe, so Gerstenberg. Männer aus der bürgerlichen Mitte seien medial unsichtbar oder nicht als "Ostdeutscher" markiert: "Das sind halt Männer, die in der Nachwendezeit aufgewachsen sind und ein großes Freiheitsbedürfnis haben; die auch nicht gewillt sind, sich gleich wieder in Strukturen reinzubegeben, beispielsweise um Karriere zu machen, sondern dazu neigen, durchaus eigene Wege zu gehen."

Vom Arbeiter in der DDR zum Arbeitslosen in der BRD

Für sein Buch hat Gerstenberg auch Sylka Scholz konsultiert, Professorin an der Uni Jena. Sie erforscht seit Jahren Unterschiede im Männlichkeitsbild zwischen Ost und West. Der Arbeiter sei in der DDR die zentrale Männlichkeitsfigur gewesen, so Scholz: "Die DDR ist eine arbeiterliche Gesellschaft, das heißt die Kultur und auch die Alltagspraxen der Arbeiter sind hegemonial."

Der Mythos des Arbeiters prägt in der DDR das Männlichkeits-Ideal.

Der Arbeiter hat im Arbeiter- und Bauernstaat zwar nichts zu melden, aber ohne ihn geht nichts. Nach der Wende ändert sich das. Mit dem Westmann taucht im Osten ein neues Leitbild auf: der Manager im Anzug. Innerhalb von anderthalb Jahren gehen drei Millionen Arbeitsplätze verloren. Der Ostmann ist nun vor allem ein Arbeiter ohne Arbeit.

Auftritt: Typ westdeutscher Manager

Sylka Scholz, die damals Interviews führt, erinnert sich an eine prägnante Begegnung mit einem jungen Baumaschinisten, der sein Glück in der Versicherungsbranche versuchen will und beginnt, diese West-Männer zu beobachten, ihren Stil und ihre Sprache nachzuahmen: "Der hat irgendwie verstanden, dass sich da was total verändert hat. Aber letztendlich muss man sagen, hatte er eben nicht den Habitus und ist dann doch gescheitert."

Fußballfans Magdeburg

Feature

Männer in Magdeburg – Stichproben zur maskulinen Lage

Mann! – das Wort ist Diagnose und Aufschrei. Gegen den Selbstzweifel hilft Abschottung – die Pflege der eigenen Muskulatur, die Flucht in die Bro-Kultur, mit alten Idealen von Stärke, Stolz und Kameradschaft. Ist das so?

Das Anpassungsdefizit scheint sich für immer in das Bild des Ostmanns eingeschrieben zu haben: wenig weltgewandt, ökonomisch und geschäftlich ein Loser, gern mit sächsischem Dialekt. Solche Kränkungen und Demütigungen machen anfällig für Parolen der AfD wie "Holt euch euer Land zurück." Und so wird der Ostmann plötzlich wieder zum Maß der Dinge.

Männlicher Stolz im Osten

Nach Jahrzehnten des Leids in "Dunkeldeutschland" heißt es auch bei der Generation Z und in der Popkultur "Unser Osten". Rapper wie Schillah arbeiten an der positiven Umdeutung von Klischees.

Das ist unser Osten, hier lebt Stolz und Tradition/ Baby back to the Roots, lass den alten Trabi holn. Songtext von Schillah, HaZe Schrägstrich Störung

Sylka Scholz von der Uni Jena hat es überrascht, wie stark die Post-Wende-Generation sich mit Ostdeutschland auseinandersetzt. Das hinge sicherlich auch mit der medialen Präsenz zusammen: "Wenn wir dann sehen, wie die Wahlen ausgefallen sind, sehen wir Ostdeutschland relativ stark blau. Und das führt natürlich dazu, dass sich jüngere Menschen einfach auch nochmal mit diesen Zuschreibungen auseinandersetzen müssen."

Ralph Gerstenbergs Buch "Der ostdeutsche Mann" ist im Carl Auer Verlag erschienen.

Der ostdeutsche Mann, für Ralph Gerstenberg bleibt er ein unabgeschlossenes Projekt. Er neige zum Eigensinn, schreibt er. Bankberater hätten an ihm keine Freude. Er schätze seine Freiheit und Unabhängigkeit, sei aber auch teamfähig. Er möge die Ostsee mehr als das Mittelmeer. Ein Buch über den ostdeutschen Mann, ist sich Gerstenberg sicher, würde dieser ostdeutsche Mann aber nie lesen.

Mehr Informationen zum Buch

"Der ostdeutsche Mann"
von Ralph Gerstenberg

Carl Auer Verlag
86 Seiten; 14,50 Euro
ISBN 978-3-8497-0659-3

Quelle: MDR artour (Lisa Ehrenburg)
Redaktionelle Bearbeitung: lm

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