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Mit KI zum Supermedikament: Sind Firmen wie Anthropic, Open AI und Co. die besseren Pharmakonzerne?

Дата публикации: 12-10-2026 03:30:00

Künstliche Intelligenz verspricht schnellere und präzisere Resultate bei der Erforschung neuer Arzneimittel. Das zwingt die etablierten Hersteller zu einem radikalen Umdenken.

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Mit KI zum Supermedikament: Sind Firmen wie Anthropic, Open AI und Co. die besseren Pharmakonzerne?

Künstliche Intelligenz verspricht schnellere und präzisere Resultate bei der Erforschung neuer Arzneimittel. Das zwingt die etablierten Hersteller zu einem radikalen Umdenken.

12.10.2026, 05.30 Uhr

5 Leseminuten


KI kann helfen, erfolgversprechende Medikamente zu identifizieren.

KI kann helfen, erfolgversprechende Medikamente zu identifizieren.

Illustration Anja Lemcke / NZZ

Marcel Salathé bringt es auf den Punkt. In einem Linkedin-Post fragte der Schweizer KI-Experte und Epidemiologe kürzlich: «Wären Sie überrascht, wenn Sie eines Tages aufwachen und lesen würden, dass Anthropic Novartis übernimmt?» Und fügte an: «Ich wäre es nicht.»

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Salathé, Professor an der EPF in Lausanne, hat natürlich kein Insiderwissen, wie er festhält. Die Wahrscheinlichkeit eines solchen Szenarios verortet er im einstelligen Prozentbereich. Jedoch gibt er zu bedenken, dass das KI-Unternehmen Anthropic unter dem CEO Dario Amodei, einem Biophysiker, zunehmend in die Pharmabranche dränge.

Und dann ist da noch diese personelle Überschneidung der beiden Firmen, die zu Spekulationen einlädt. Im April wählte Anthropic den Novartis-Chef Vas Narasimhan in den Verwaltungsrat, damit er dort sein Pharma-Fachwissen einbringt.

Was Salathé sagen will: An der Schnittstelle zwischen künstlicher Intelligenz und der Pharmaindustrie passiert gerade unglaublich viel. Wir sollten uns deshalb geistig auf grosse Veränderungen einstellen – und die Unternehmen sich auf wirtschaftliche Auswirkungen.

Wer hat die meisten Nvidia-Chips?

Doch bevor KI für bessere Forschungsresultate sorgt, sind die finanziellen Folgen bei den Pharmakonzernen zunächst einmal Investitionen in Milliardenhöhe.

Zum Beispiel für das Wettrüsten mit Computerchips. So kündigte Roche im März dieses Jahres den Ausbau seiner Supercomputer-Plattform namens AI Factory mit dem Chiphersteller Nvidia an – die grösste ihrer Art in der Branche, wie es in der Mitteilung heisst. Ein paar Monate zuvor hatte der amerikanische Konkurrent Eli Lilly dies für sich beansprucht.

Dazu kommen Ausgaben für Kooperationen mit KI-Unternehmen. Novartis arbeitet unter anderem mit Isomorphic Labs zusammen. Die Tochterfirma der Google-Mutter Alphabet soll ihre KI-Modelle für die Arzneimittelforschung einsetzen und könnte im Idealfall bis zu 1,2 Milliarden Dollar vom Basler Pharmakonzern erhalten.

Wenn KI zum zentralen Hilfsmittel in der Forschung und Entwicklung wird, hat das auch Folgen für die benötigte Infrastruktur. Es braucht nicht nur Hochleistungscomputer, sondern auch neue, stärker automatisierte Labors. Roche ist daran, autonome KI-Labors zu bauen. Dies sagte Aviv Regev, Forschungschefin der amerikanischen Tochter Genentech, kürzlich an einer Veranstaltung für Investoren.

Damit sich diese Investitionen für die Firmen auch lohnen, müssen die ganzen KI-Modelle und die Rechenleistung am Schluss auch einen messbaren Nutzen liefern. Also Einsparungen von Zeit, Personal und somit Geld sowie eine höhere Erfolgsquote bei neuen Medikamentenkandidaten.

Dabei kann KI auf allen Stufen etwas beitragen: zunächst wenn es darum geht, ein spezifisches biologisches Molekül (zum Beispiel ein Protein) zu identifizieren, das verändert werden kann, um eine Krankheit zu stoppen.

Aber auch bei der Abschätzung von möglichen Nebeneffekten oder dem Ausloten von Kombinationen mit anderen Medikamenten. Ebenso beim Rekrutieren der geeignetsten Patienten für klinische Studien sowie danach bei der Auswertung.

Novartis nennt als Beispiele die Forschung zu einer Nierenkrankheit und jene zur Huntington-Krankheit, bei denen KI geholfen habe, aus riesigen Datenmengen vielversprechende Ansätze herauszufiltern, die nun weiterverfolgt würden.

Die zunehmende Bedeutung von KI zeigt sich auch daran, wie bei Roche neue Medikamente die verschiedenen Stufen durchlaufen. Über einen Zeitraum von drei Quartalen habe bei 40 Prozent aller Entscheidungen künstliche Intelligenz eine fundamentale Rolle gespielt, sagte die Genentech-Managerin Aviv Regev. Sie sagte aber auch: «Wir sollten unser Vertrauen in KI nicht überstrapazieren».

Konkrete Schätzungen fehlen

Michael Kunz, Analyst bei der Luzerner Kantonalbank, sieht im Moment bei der KI in der Pharma in erster Linie das Potenzial für Zeitersparnis. Weil damit etwa mögliche Wirkstoffkombinationen rascher durchgetestet werden können.

«Möglich, dass die Unternehmen künftig schneller mehr neue Pfeile im Köcher haben», sagt er mit Blick auf potenzielle Medikamentenkandidaten. Im Idealfall gehe es dereinst rascher, bis man bei einer neuen Arznei Umsatzprognosen erstellen könne. «Doch ob alle diese Pfeile dann auch treffen, ist schwer abzuschätzen.»

Stefan Schneider von dem Investmenthaus Vontobel geht es ähnlich: Der Analyst sieht die Chancen, die KI bietet. Doch ihm fehlen im Moment noch konkrete Informationen, in welchem Ausmass und in welchem Zeitraum sich der Output an neuen Medikamenten dank KI tatsächlich spürbar erhöhen könnte.

Er ist auch skeptisch, ob KI-Firmen in absehbarer Zeit Pharmakonzerne konkurrenzieren werden. Nicht zuletzt weil diese eine attraktive Kundengruppe sind. Zudem: «Am Schluss muss man die Resultate aus der Forschung und Entwicklung umsetzen», sagt er.

Dazu brauche es Kapazitäten und Know-how im Bereich Zulassung, Produktion, Vermarktung und Vertrieb. Diese Strukturen, die die Pharmaunternehmen über lange Zeit aufgebaut hätten, könne auch ein KI-Gigant nicht von heute auf morgen kopieren.

Auch in Zukunft werden neue Arzneimittel in klinischen Studien mit Menschen getestet werden müssen. Nicht zu unterschätzen sind rechtliche Fragen und Sicherheitsaspekte rund um den Einsatz von KI in einem so stark regulierten Bereich wie Medikamenten.

«Das Gesundheitswesen ist ein Bereich, wo man nicht will, dass ein Modell Dinge erfindet», sagte der Anthropic-CEO Amodei an einer Konferenz. «Ein übertriebenes Selbstbewusstsein des Modells ist hier schlecht.»

Der Eli-Lilly-Chef Dave Ricks sieht die Wahrscheinlichkeit, dass in den nächsten fünf Jahren ein Kassenschlager-Medikament aus einem KI-Konzern auf den Markt kommt, «nahe bei null», wie er dem «Handelsblatt» sagte.

Er begründet diese Einschätzung ebenfalls damit, dass die Techfirmen erst noch Erfahrungen sammeln und genügend Wissenschafter einstellen müssen. Seiner Meinung nach wird es auf eine Arbeitsteilung zwischen Big Pharma und KI hinauslaufen.

Anthropic hat schon etwas entdeckt

Aber die KI-Firmen verlieren keine Zeit. Open AI hat das Modell GPT-Rosalind für die biowissenschaftliche Forschung lanciert. Anthropic hat ein kleines Biotech-Startup namens Coefficient Bio gekauft, das von ehemaligen Genentech-Mitarbeitern gegründet wurde. Zudem hat der KI-Konzern in der Region San Francisco ein eigenes Labor eingerichtet. Die erst im Frühjahr gebildete Gruppe von Forschern soll laut dem Unternehmen «eine neue Art von Biologieforschung» betreiben.

Der Anthropic-Mitgründer und CEO Dario Amodei will Anthropic stärker auf die Pharmabranche ausrichten.

Der Anthropic-Mitgründer und CEO Dario Amodei will Anthropic stärker auf die Pharmabranche ausrichten.

Carlos Barria / Reuters

Vor rund zwei Wochen präsentierte das Unternehmen dann bereits ein erstes Resultat. So habe das Anthropic-Modell Claude beim Durchforsten von Datensets mit 950 Agenten nach 21 Stunden auffällige DNA-Sequenzen identifiziert. Noch wisse man nicht, ob und was genau man mit der Entdeckung anfangen könne, schreibt das Unternehmen.

Dennoch rückt Anthropic die Erkenntnis schon einmal potenziell in die Nähe der bahnbrechenden Crispr-Technologie, die mit einer Art «Schere» DNA schneiden kann. «Schliesslich begannen viele revolutionäre Entdeckungen in der Biologie und in der Medizin damit, dass einem Wissenschafter etwas Merkwürdiges aufgefallen ist», schreibt Anthropic weiter.

Die Episode passt gut zum ganzen Komplex Pharma und KI. Es ist plötzlich viel mehr möglich, jeder möchte zuvorderst mit dabei sein. Aber was dann am Ende wirklich herausschaut, ist noch nicht absehbar.

5 Kommentare

Marc Anderson

13.10.2026

Jetzt heilt sie auch noch Krebs, dann werden wir sie nie wieder los.

Daniel Stalder

12.10.2026

1 Empfehlung

Man kann immer defensiv argumentieren und sagen: AI-Unternehmen verdienen an Software-Lizenzen, API-Nutzung und Partnerschaften. Pharma hingegen verdient an zugelassenen Produkten mit langen Patentlaufzeiten. Ein «besserer Pharmakonzern» müsste also beides beherrschen – eine grosse Herausforderung. Auf der anderen Seite lässt sich bei der Firma SpaceXAI ablesen, in welche Richtung die Tendenz gehen dürfte: Physische Versuche werden bei SpaceXAI nur dann durchgeführt, falls die Simulation im Computer erfolgreich war. Daraus folgt: Je grössser die Zunahme der Bedeutung von Computersimulationen im Pharma Bereich, desto grösser das AI Erfolgspotential. Die zentrale Anschlussfrage die sich stellt: Werden es die Pharma Firmen sein, welche in der Lage sind, den immer bedeutender werdenden AI Stack in ihre Wertschöpfungskette zu integrieren, oder die AI Firmen, die durch Zukauf von Pharma Firmen ihre Wertschöpfungskette vertikal erweitern? Die Kapitalkraft dürfte der entscheidende Faktor sein und diesbezüglich sind die AI Unternehmen im Vorteil.

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