Die Zinsen steigen, und der Widerstand gegen Datenzentren nimmt zu. An den Finanzmärkten wachsen deshalb die Zweifel, ob das eng mit dem Chipentwickler Nvidia verbandelte Unternehmen überlebensfähig ist.
Die Zinsen steigen, und der Widerstand gegen Datenzentren nimmt zu. An den Finanzmärkten wachsen deshalb die Zweifel, ob das eng mit dem Chipentwickler Nvidia verbandelte Unternehmen überlebensfähig ist.
17.10.2026, 11.30 Uhr
4 Leseminuten

Yuki Iwamura / Getty
Es gibt einen guten Grund, weshalb Mediensprecher die Botschaften ihrer Chefs verwedeln: Die Investoren sind oft nicht bereit für schonungslose Ehrlichkeit.
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Das musste am Mittwoch auch Brannin McBee, der Mitgründer des auf KI-Anwendungen spezialisierten Cloudspeicher-Anbieters Coreweave, erfahren. Er sagte der «Financial Times», dass Coreweave ein höheres Kreditrating anstrebe, um günstiger Geld aufzunehmen. Insbesondere wolle man das «unlimitierte» Kapital anziehen, das Lebensversicherer halten und investieren. Ein hohes Kreditrating ist meist eine Bedingung dafür, dass Lebensversicherer oder auch Pensionsfonds in Schuldtitel investieren können.
Die Zweifel wachsenMcBee hat natürlich recht damit, dass es seiner Firma helfen würde, wenn sie Geld zu günstigeren Konditionen erhielte. Seine Aussagen hatten aber nicht den gewünschten Effekt. Stattdessen befassten sich manche Investoren genauer mit der Frage, warum Coreweave so hohe Zinsen für seine Schuldscheine zahlen muss – und gerieten in Panik.
Die Coreweave-Aktie stürzte am Mittwoch um über 20 Prozent ab. Am Donnerstag erholte sich der Titel leicht; der Nvidia-Chef Jensen Huang, dessen Firma 11 Prozent an Coreweave hält, zeigte sich an einem Bloomberg-Anlass in Schweden «optimistisch», was die Zukunft des Unternehmens angeht. Am Freitag tauchte die Aktie jedoch in den ersten Handelsstunden erneut um über 10 Prozent. Die Titel des direkten Konkurrenten Nebius büssten in ähnlichem Umfang ein.
Besorgniserregend ist, dass auch die Anleihen von Coreweave stark an Wert verloren haben. Es kostet 11 Prozent, sich für ein Jahr gegen einen Zahlungsausfall des Unternehmens abzusichern. Der Markt nimmt das Risiko also sehr ernst, dass der KI-Cloud-Anbieter seine Schulden nicht mehr begleichen wird.
Coreweave war 2017 unter dem Namen Atlantic Crypto gegründet worden, um mit Nvidia-Grafikchips die Kryptowährung Ethereum zu schürfen, krempelte sein Geschäftsmodell in den kommenden Jahren aber komplett um. Das neue Modell ist simpel: Coreweave kauft für KI-Anwendungen optimierte Computerchips von Nvidia, steckt sie in Rechenzentren und vermietet die Rechenleistung an Unternehmen wie Microsoft, Open AI oder Meta, die damit ihre KI-Modelle trainieren und betreiben.
Etablierte Cloud-Anbieter wie Amazon oder Google investieren zwar ebenfalls riesige Summen in den Ausbau von KI-Infrastruktur. Der Unterschied zu sogenannten Neocloud-Anbietern wie Coreweave oder Nebius ist aber, dass sie über erfolgreiche andere Geschäftsfelder verfügen, die ihnen einen stetigen Cashflow verschaffen. Bis vor kurzem konnten sie ihre Investitionen daher noch aus eigener Kasse zahlen.
Ein Preis, zwei SichtweisenCoreweave, das im Frühjahr 2025 an die Börse ging, hat keine solchen Reserven. Um tonnenweise Nvidia-Chips zu kaufen, muss sich das Unternehmen daher schon seit geraumer Zeit zu teuren Konditionen verschulden. Und sich der Kritik erwehren, ein äusserst riskantes Geschäftsmodell zu verfolgen.
Die Situation hat sich in den vergangenen Wochen zugespitzt, weil das Zinsniveau in den USA insgesamt angestiegen ist. Die Rendite auf 10-jährige amerikanische Staatsanleihen, die als sehr sicher gelten und deshalb als Vergleichswert für Unternehmensanleihen verwendet werden, ist auf über 5 Prozent angestiegen. In der Folge verteuerte sich Fremdkapital auch für Unternehmen.
Coreweave hat stets argumentiert, dass es sich die hohen Kosten für die Aufnahme von Fremdkapital leisten könne, weil es auf Jahre hinaus eine riesige Nachfrage nach Rechenkapazität geben werde, aber bloss ein beschränktes Angebot. Zudem verweisen die Chefs des Unternehmens auf einen Auftragsbestand, der sich zum Halbjahresende auf 104 Milliarden Dollar belaufen hat.
Die Grosskunden haben zudem sogenannte Take-or-Pay-Verträge mit Coreweave abgeschlossen. Das heisst, sie haben sich dazu verpflichtet, in den kommenden Jahren für Rechenleistung zu zahlen, unabhängig davon, ob sie diese Leistung überhaupt brauchen werden.
Risikofaktor PolitikCoreweave ist daher davon abhängig, dass Kunden wie Open AI in den nächsten Jahren genug Geld haben, um ihre Rechnungen zu begleichen. Die zweite Achillesferse von Coreweave ist der Bau der Datenzentren. Die Kunden müssen bloss dann zahlen, wenn Coreweave die bestellte Rechenleistung tatsächlich liefern kann. Neuen Rechenzentren schlägt in den USA aber immer grösserer Widerstand aus der Bevölkerung entgegen, was die gewählten Politiker natürlich registriert haben.
Linke und rechte Gliedstaaten wie Texas oder New York haben Moratorien gegen Neubauten verhängt. Andere nehmen den Bewilligungsprozess viel ernster oder fügen Auflagen hinzu, wonach der Betreiber des Rechenzentrums selbst für seinen Strom aufkommen muss. Der Zeitplan der Entwickler gerät dadurch in Gefahr. Auch Coreweave ist betroffen: Das Unternehmen muss seinen Kunden einen Grossteil der versprochenen 104 Milliarden Dollar an Rechenleistung zwischen 2027 und 2029 liefern. Verspäten sich die Bauprojekte, fallen auch die erhofften Zahlungen weg.
Die direkten Folgen eines Zusammenbruchs von Coreweave liessen sich verkraften: Das Unternehmen hat rund 50 Milliarden Dollar an Schulden aufgenommen und hat einen Börsenwert von derzeit 35 Milliarden Dollar. Ein Grossteil des Kapitals kommt zudem von Geldgebern wie eben Nvidia selbst, die Verluste verkraften können. Die Aktien der Hyperscaler Alphabet, Microsoft und Amazon haben im Laufe der Woche nur moderat an Wert verloren, und ihre Schuldpapiere gelten weiterhin als sicher.
Dennoch kann Coreweave ein Frühwarnzeichen für die ganze Branche sein. Wie unter einem Brennglas verhandeln die Anleger die grossen Risiken, die den Ausbau der KI-Infrastruktur begleiten. Dass Unternehmen und Privatpersonen künftig immer mehr künstliche Intelligenz nutzen werden, steht ausser Zweifel. Dass sich diese Entwicklung für jene Unternehmen rechnen wird, welche die Rechenzentren bauen und die KI-Modelle programmieren, ist damit aber noch nicht gesagt. Solange diese Frage nicht geklärt ist, wird die Unsicherheit am Aktien- und Anleihenmarkt hoch bleiben.
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