Was muss man gesehen, gehört und gelesen haben?
Was muss man gesehen, gehört und gelesen haben?
Peer Teuwsen, Frank Heer, Jens Ulrich Eckhard, Gerhard Mack, Manfred Papst27.09.2026, 05.30 Uhr
4 Leseminuten

2026 Ascot Elite Entertainment
Der Spielfilm «111 – Echoes From Halifax» macht aus dem verheerenden Absturz einer Swissair-Maschine vor 28 Jahren an der kanadischen Küste berührendes Kammerspiel. Wenn nur Ursina Lardi ein bisschen besser wäre. Lesen Sie hier die Rezension von Frank Heer.
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Guillermo Navarro / Album / Archivo ABC / Imago
Mit «Der stets verlorene Kampf» kehrt Michel Houellebecq, dieser Dandy, der kettenrauchend den eigenen Verfall zelebriert, zu seinen Wurzeln zurück. Bevor dem 68-Jährigen mit «Ausweitung der Kampfzone» der Durchbruch als Romancier gelang, verfasste er überwiegend Lyrik. Sein neuer Band versammelt rund vierzig Gedichte, meist Achtsilber und Alexandriner. Da die Kreuzreime bei der Übertragung ins Deutsche verlorengingen, sind die Verse auch im französischen Original abgedruckt.
Thematisch gleichen sie seiner Prosa: Behandelt werden der schleichende Niedergang des Westens («Die abgelegenen Landstriche») und der europäische Mann, der sich körperlichem Verfall ausgesetzt sieht («Ejakulation ins Gesicht»). Was die Ausstellung von Pathologien betrifft, erinnert das an Gottfried Benn, nur dass hier der Arzt selbst auf dem Seziertisch liegt. Somit ist Houellebecqs Lyrik zwar ein kohärentes Spätwerk der Erschöpfung und originellen Geschmacklosigkeit, in dem aber fast völlig der aus seiner Prosa bekannte abgründige Humor fehlt. Jens Ulrich Eckhard
★★★★✩ Michel Houellebecq: Der stets verlorene Kampf. Ü: Stephan Kleiner. Dumont 2026, 112 S.
Literatur: Ein Krimi, frei von Gewaltorgien
Die Kriminalromane von Peter Grainger sind ein Phänomen. Nicht nur, weil die Reihe um den nordirischen Haudegen DC Smith, den seine Chefs endlich im Ruhestand sehen wollen, zuerst im Selbstverlag erschien – und auf so viele Leser stiess, dass sich die Verlage weltweit darum rissen. Sie sind auch bemerkenswert, weil der Erzählton so gelassen, die Handlung so frei von Gewaltorgien ist – etwas, was man in modernen Krimis nur noch selten findet. Beim ersten Fall haben es DC Smith und der Polizeifrischling Chris Waters mit dem Tod eines jungen Schwimmers zu tun. Unfall oder Mord? Spannend bis zum Schluss. Peer Teuwsen
★★★★✩ Peter Grainger: Ein unglücklicher Tod. Übersetzung: Eva Regul. Diogenes 2026, 288 Seiten.
Pop: Mine - so frei und so eigensinnig
Bastian Bochinski
Die Berliner Sängerin und Songwriterin Mine gilt als eine der eigenwilligsten Stimmen im deutschsprachigen Pop. Auf ihrem mittlerweile sechsten Album mit dem etwas nichtssagenden Titel «Killer» dominieren analoge Synthesizer und reduzierte Arrangements, die Jasmin Stocker, wie die 40-jährige, in Stuttgart geborene Mutter von Zwillingen bürgerlich heisst, zu einem faszinierenden atmosphärischen Klangteppich webt.
Sinnbildlich für die düstere Grundstimmung des neuen Albums steht der Song «Dunkel», in dem Stocker, die ihre Alben auch selbst produziert, Orgelklänge mit einem pulsierenden Beat unterlegt.
Mines Markenzeichen sind seit je ihre Texte, die zwischen poetischer Bildsprache und eingängigen, fast mantraartigen Refrains changieren. Dem bleibt sie sich auch auf «Killer» treu. So kontrastiert ihr in Schleife proklamiertes «Es ist vorbei, es ist vorbei» im Song «Lichter aus» mit ihrem in Gedichtform vorgetragenen «Ohne Dich».
Doch bei aller Finesse geht auf «Killer» Mines unverwechselbare Stimme bisweilen in den opulenten Soundkulissen unter. Das Album reicht daher nicht ganz an ihre beiden hervorragenden Vorgänger «Hinüber» (2021) und «Baum» (2024) heran. Dennoch strotzt «Killer» vor textlicher und klanglicher Originalität und bestätigt Mines künstlerischen Anspruch als poetische Klangwandlerin in analoger Synthie-Pop-Ästhetik. Diese Musik ist so herrlich eigensinnig und so frei von jeglicher Konvention. Jens Ulrich Eckhard
★★★★✩ Mine: «Killer». Tier Music.
Klassik: András Schiff spielt Brahm
Nadja Sjoestroem
«Wiegenlieder meiner Schmerzen» nannte Johannes Brahms seine späten Klavierstücke. Innig und herb zugleich sind sie, schnörkellos, zurückgenommen und doch von unfassbarer poetischer Schönheit. Der ungarische Meisterpianist András Schiff spielt sie auf einem historischen Instrument: einem Blüthner-Flügel von 1859. Der feine Klang des Instruments passt hervorragend zum liedhaften Spiel des Künstlers. Seine Interpretation verbindet Transparenz mit subtilster Nuancierung.
Schiffs konzentriertes, aller extrovertierten Virtuosität entratendes Musizieren, das schon seine Bach- und Schubert-Aufnahmen zum Ereignis machte, bewährt sich hier aufs Neue. Den Sammlungen op. 76 sowie op. 116 bis 119 stellt er das frühe «Albumblatt» (1853, ohne Opuszahl) des damals 20-jährigen Komponisten voran. Die 29 Stücke wurden bereits im März 2021 eingespielt, im Kammermusiksaal des Beethoven-Hauses Bonn, erscheinen hier jedoch zum ersten Mal. Besondere Erwähnung verdienen die erhellenden Werkkommentare des Pianisten im Beiheft. Manfred Papst
★★★★★ András Schiff: Johannes Brahms, Klavierstücke. 2 CD. ECM.
Jazz: Das amerikanisch-schweizerische Gipfeltreffen
PD
Die Zürcher Altsaxofonistin Co Streiff und der amerikanische Trompeter Russ Johnson kennen sich seit 2004; ihr gemeinsames Quartett besteht seit 2009. Am Kontrabass agiert von Beginn an Christian Weber. In der Formation, die 2012 das formidable Album «In Circles» herausbrachte, sass Julian Sartorius am Schlagzeug; nun ist es der Wahlluzerner Gerry Hemingway. «Oracle», das neue, im April 2023 live aufgenommene Album der Band, bietet so sinnlichen wie intelligenten Jazz: Mit ausgefuchsten Bläsersätzen, hellwachem Interplay und fein abgestufter Dynamik schreibt es die Pionierarbeit von Ornette Coleman und Don Cherry fort. (pap.)
★★★★★ Co Streiff / Russ Johnson Quartet: Oracle. Intakt.
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»
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