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Vanishing Twin: Zukunftsmusik aus dem Archiv

Дата публикации: 19-10-2026 03:30:00

Vanishing Twin sind ein typisches Produkt aus Ostlondons kulturellem Schmelztiegel. Auf dem neuen Album kombiniert das Psychedelic-Pop-Trio alte Elemente mit kühner Innovation.

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Vanishing Twin: Zukunftsmusik aus dem Archiv

Vanishing Twin sind ein typisches Produkt aus Ostlondons kulturellem Schmelztiegel. Auf dem neuen Album kombiniert das Psychedelic-Pop-Trio alte Elemente mit kühner Innovation.

Hanspeter Künzler19.10.2026, 05.30 Uhr

4 Leseminuten


Das Trio Vanishing Twin: Mit einer Vorliebe für Spontaneität und einer Rohheit im Umgang mit Musik.

Das Trio Vanishing Twin: Mit einer Vorliebe für Spontaneität und einer Rohheit im Umgang mit Musik.

Arthur Sajas

Vanishing Twin haben einen langen Weg hinter sich. Vor zehn Jahren als Sextett gegründet, war die Band einst ein wichtiger Teil der rauschenden multikulturellen Kunstszene von Hackney und Dalston in Ostlondon. In jeder Strasse, so schien es, war ein wütendes, aktivistisches Kollektiv aus Musikern, Künstlern, Filmemachern am Werk, die gleichzeitig in verschiedensten Kombinationen in Erscheinung traten. Heute ist die Band zum Trio geschrumpft, hat den Prozess des Musizierens in den digitalen Äther verschoben und damit erst zu einem eigenen, organisch gewachsenen Stil gefunden.

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Der Titel ihres neuen, fünften Albums, «Archives», ist mit Bedacht gewählt. Gemeint sind die Festplatten der Computer, auf denen sich über die Jahre gespeicherte Tonaufnahmen angesammelt haben. «Der kreative Prozess besteht stets aus zwei parallelen Vorgängen», erklärt die Sängerin und Multiinstrumentalistin Cathy Lucas per Whatsapp aus dem ländlichen Südwesten Frankreichs, wo sie heute lebt. «Der erste besteht darin, dass wir regelmässig zusammenkommen, drauflos improvisieren und alles aufnehmen. Wenn es darum geht, ein Album zusammenzustellen, kommt die zweite Phase, dann vertiefen wir uns in das gesammelte Rohmaterial und setzen daraus neue Songs zusammen.»

Austausch von Samples

Diese Arbeitsmethode gehört nicht Vanishing Twin allein. Schon die Beatles, Can oder Miles Davies haben auf diese Weise gearbeitet. Gerade in der elektronischen Musik ist es gang und gäbe, dass die beteiligten Musiker in der Welt verstreut sind und ihre Musik-Samples auf digitalen Wegen austauschen.

Was Vanishing Twin von ähnlich gestrickten Ensembles abhebt, ist ihr Werdegang als Band und das kulturelle «Make-up» der einzelnen Mitglieder. Mit ihrem Debütalbum im Oktober 2016 präsentierten Vanishing Twin eine Melange aus Bossa nova, Film-Soundtracks aus den 1950er Jahren, französischem Schlager und Pink-Floyd-Anklängen. Der Kern der Gruppe bestand schon damals aus Cathy Lucas, Valentina Magaletti und Susumu Mukai.

Lucas wuchs in Belgien auf, formierte ihre erste Band in Italien und landete knapp zwanzigjährig in London. Die Perkussionistin Valentina Magaletti stammt aus der italienischen Jazz- und Experimental-Szene, weiss aber seit je auch Celentano, brasilianische Tropicália und japanischen Noise zu schätzen. Der japanische Bassist Mukai hat die legendäre antiautoritäre Schule im englischen Summerhill besucht, um danach auch noch eine Londoner Kunstschule zu absolvieren.

Anfangs traten Vanishing Twin in surrealen Kostümen auf und untermalten mit ihrem Live-Ambient auch Filmprojektionen. Der 2021 unter Lockdown-Bedingungen aufgenommene Konzertfilm «Pensiero Magico» ist ein vergnügliches Dokument aus dieser Schaffensphase.

Ebenfalls um die Zeit des Lockdowns erfüllte sich die Band einen alten Traum, indem sie eine Wohngenossenschaft dazu überredete, ihr ein ganzes Haus zum Leben und Arbeiten zu überlassen. Dieser Lifestyle fand vor zwei Jahren ein Ende, als Lucas Mutter wurde und mit ihrem Partner nach Frankreich zog.

«In Frankreich fällt es mir leichter, ein Leben zu führen, das meinen Wertvorstellungen entspricht», sagt sie. In London habe sie jede Woche drei, vier Konzerte von Bands aus ihrem Zirkel besucht und die Tage mit deren Musikern im Studio verbracht: «Wir waren komplett eingebettet in diese Gemeinschaft.» Als Mutter sei dies nicht mehr möglich gewesen.

Dass der Umzug das Ende von Vanishing Twin bedeuten könnte, fürchtete sie aber nie. Sie sei immer überzeugt gewesen, dass sich die Band auf die neuen Umstände werde einstellen können. Vanishing Twin konnte davon profitieren, dass man über die letzten Alben hinweg immer mehr mit Samples, mit elektronischen Klängen und Sound-Texturen gearbeitet hatte, die auch das neue Album bestimmen.

Roh und spontan

Ab und zu traf sich das Trio in London immer noch zu den gewohnten Improvisationen. Danach begann die langwierige Song-Produktion, bei der sich die drei ihre Files per E-Mail hin und her schickten. «Die neue Arbeitsmethode erwies sich als ausserordentlich spannend. Es ist aufregend, herauszufinden, was Susumu und Valentina mit den Klängen machen, die ich ihnen schicke, und umgekehrt.»

Eine Vorliebe für Spontaneität und eine gewisse Rohheit präge ihren Umgang mit Musik, sagt Lucas. Mit «Archives» hat die Band einen Weg gefunden, diese Eigenschaften in faszinierender Transparenz festzuhalten. Die Songs leben von selbst gebastelten Instrumenten, elektronischen Spielzeugen, organischem Bass und nicht zuletzt von Magalettis genialischer Perkussion. Der Sound wird dabei von atmosphärischen Rausch-, Knack- und Feedback-Geräuschen subtil verfremdet.

Und Lucas’ Stimme driftet leicht darüber hinweg. Wie ein Geheimnis nehmen sich ihre rätselhaften Worte aus. Aber die Gesangsmelodien erweisen sich als verbindendes Element, als roter Faden der Songs. Mit «Archives» haben Vanishing Twin so zu einer eigenständigen Musik gefunden, die kaum mehr Einflüsse erkennen lässt. Und gerade darum sich als ein packendes, organisches Ganzes darstellt.

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