Der Austro-Pop erlebt eine Auffrischung dank Bilderbuch. Auf dem neuen Album macht sich die Band über Selbstoptimierung lustig und liefert gleichzeitig den passenden Soundtrack dazu.
Der Austro-Pop erlebt eine Auffrischung dank Bilderbuch. Auf dem neuen Album macht sich die Band über Selbstoptimierung lustig und liefert gleichzeitig den passenden Soundtrack dazu.
Adrian Schräder13.10.2026, 05.30 Uhr
4 Leseminuten

Maschin Records
So ganz versteht man nie, wo Bilderbuch gerade sind und wo sie hinwollen. Woher kommen im Jahr 2026 plötzlich diese zackigen Heavy-Metal-Gitarren? Die österreichische Band ist hipper als hip. Sie geht voraus, schlägt Haken – und bleibt sich dabei doch erstaunlich treu. Sie veranstaltet den ganz grossen Pop-Zirkus, aber ohne bösen Dompteur. «Protect Me From The Music Business» steht auf den Hoodies und T-Shirts, die Bilderbuch verkaufen. Statement und Witz, Pose und Selbstbehauptung zugleich.
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Diese Band liebt die grosse Bühne, den Glamour und die Ekstase. Was Pop zu sein hat, möchte sie selbst bestimmen. Längst veröffentlicht sie ihre Alben nach einer ganz eigenen, antizyklischen Logik. «∞+1», ihr neuntes Studioalbum, ist da keine Ausnahme.
Extravagante FigurenAngefangen hat alles in der tiefsten österreichischen Provinz. 2005 gründeten ein paar 14- und 15-jährige Schüler aus Kremsmünster und Schlierbach in Oberösterreich eine Band. Zunächst spielten sie Indie-Rock, orientierten sich an den Strokes und den Arctic Monkeys. Seit 2008 ist Wien ihre Basis – und aus den Provinzrockern sind einige der extravagantesten Figuren des deutschsprachigen Pop geworden.
Mit ihrer unbändigen Lust an Theatralik prägen sie die österreichische Musikszene seit über zehn Jahren. Als Bilderbuch 2015 mit «Schick Schock» die grosse Bühne betraten, war gerade noch eine andere österreichische Band dabei, die deutschsprachige Pop-Welt auf den Kopf zu stellen. Wanda hatten ein Jahr zuvor ihr Debütalbum «Amore» veröffentlicht. Plötzlich kam der aufregendste deutschsprachige Pop aus Österreich. Und das ausgerechnet zu einer Zeit, als der Austro-Pop längst zur nostalgischen Angelegenheit geworden zu sein schien.
Die Geschichte des österreichischen Pop reicht weit zurück, mindestens bis zu Mozart. Zumindest sah Falco das so, der den Komponisten 1985 in «Rock Me Amadeus» zum ersten Rockstar der Geschichte erklärte. Exaltiert, virtuos, ein bisschen grössenwahnsinnig: So klingt ein Erfolgsrezept, das in Österreich bestens funktioniert.
Auch Wanda und Bilderbuch stehen in dieser Tradition. Aber sie traten Falcos Erbe auf ganz unterschiedliche Weise an. Wanda übernahmen das Drama und den Wiener Schmäh, Bilderbuch die Pose und das Spiel mit den Pop-Codes. Wanda waren die charmanten, leicht heruntergekommenen Rocker, Bilderbuch die eleganten Pop-Dandys. Die einen besangen die Liebe, den Rausch und die Vergänglichkeit, die anderen machten aus Pop eine schillernde Collage. Wanda schrieben Songs für die Ewigkeit, Bilderbuch erschufen ein Gesamtkunstwerk. Ihre Musik, ihre Videos, ihre Kleidung, ihre Sprache – alles gehörte zusammen. Und alles war zugleich ernst gemeint und ein bisschen ironisch.
Übertreiben und abschweifenMehr als zehn Jahre später sind beide Bands noch da, wenn auch in veränderter Besetzung. Marco Wanda, der Wiener Poet, hat inzwischen ein Buch geschrieben, sein Leben umgekrempelt und die Lederjacke gegen elegantere Garderobe getauscht. Mit der neuen Single «Salbei» kündigt sich gerade ein neues Wanda-Album an, das «Was mich umbringt, macht mich schwächer» heissen wird. Die Gitarren klingen härter. Die Gefühle sind gross geblieben. Immer steht alles auf dem Spiel.

Lukas Gansterer
Bilderbuch haben sich einen anderen Ausweg offengehalten. Sie müssen nicht immer alles meinen, was sie singen. Sie dürfen übertreiben, abschweifen, ins Absurde abdriften. Das Album «∞+1» ist voller Anspielungen und Überraschungen, bunt und funky. Es ist Pop, der sich selbst nicht genug sein kann. Der Titel ist dabei durchaus programmatisch: Es gibt längst zu viele Songs, Bilder, Stile und Ideen. Aber Bilderbuch setzen noch einen drauf.
Sie bedienen sich aus dem riesigen Fundus der Pop-Geschichte, bei Rock, Pop und Funk, aber auch bei der grossspurigen, körperlichen Wucht elektronischer Tanzmusik. In der Kombination verwandelt sich das Bekannte oft zu etwas Neuem.
Das Album markiert dabei das Ende einer Ära. Der Gitarrist Michael Krammer, seit 2008 dabei und massgeblich am charakteristischen Sound beteiligt, hat die Band verlassen. Maurice Ernst hat «∞+1» selbst als eine Art Trennungsalbum bezeichnet. Doch wer nun eine grosse Abrechnung, ein Bekenntniswerk oder eine neue Ernsthaftigkeit erwartet, ist bei Bilderbuch an der falschen Adresse.
Bei der Single «Push Reality» handelt es sich um einen Power-Pop-Song über die atemlose Selbstoptimierung. Maurice Ernst singt von Longevity-Retreats für Mutter und Tochter und geglätteten Stirnpartien. Dazu wird geatmet und gegroovt, als gäbe es kein Morgen.
Bilderbuch machen sich über den Selbstoptimierungswahn lustig und liefern gleichzeitig den perfekten Soundtrack dazu. Könnte man sich dieses Lied spritzen, man würde direkt drei Jahre jünger. Stets geht es bei Bilderbuch um die volle Dröhnung. Selbst dann, wenn die Musik eigentlich zärtlich wird. Gleichzeitig wirkt auch immer irgendetwas ein bisschen falsch und verfremdet.
Distanz in der ZweisamkeitEines der Lieblingsthemen von Bilderbuch ist die Distanz zwischen Menschen, die sich eigentlich nahezustehen scheinen. Sie tun so, als würden sie einander verstehen, sind aber längst kilometerweit voneinander entfernt. In «Zahlen als Beweis» reichen Gefühle nicht mehr, es braucht messbare Gewissheit. In «Ist es denn ein Wunder» betrachtet Maurice Ernst sein Gegenüber durch ein Teleskop. Und weil das offenbar noch nicht genügt, macht er daraus ein «Te-te-Teleskop». Wie einst Falco kostet der Bilderbuch-Sänger jede Silbe aus, dehnt und verdreht sie, bis die Sprache selbst zur grossen Geste wird.
Bilderbuch sind Pop-Künstler und -Konsumenten zugleich. Sie suhlen sich in den Abgründen der Gegenwart. Und sie grooven dazu. Bis zur Unendlichkeit und darüber hinaus.
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