Der Bundeskanzler will das Gerechtigkeitsproblem zwischen GKV und PKV lösen. Die entscheidende Frage liegt jedoch wo anders.
Friedrich Merz sieht ein Gerechtigkeitsproblem zwischen GKV und PKV. Die Unterschiede sind real, doch eine Lösung ist so schnell nicht in Sicht.
Dieter Homburg berät seit über 25 Jahren Menschen zu privater Krankenversicherung und Risikoabsicherung – mit Schwerpunkt auf langfristiger Beitragsstabilität und Bezahlbarkeit. Er prüft für privat Versicherte kostenlos, ob bestehende PKV-Verträge bei gleichen Leistungen oft mehrere Tausend Euro pro Jahr günstiger gestaltet werden können, und unterstützt insbesondere junge Menschen dabei, eine langfristig stabile private Krankenversicherung zu finden. Er ist Autor des Bestsellers „Altersvorsorge für Dummies“ und Teil des Expertennetzwerks EXPERTS Circle.
Der Bundeskanzler verweist dabei vor allem auf unterschiedliche Wartezeiten. In der Bevölkerung habe sich der Eindruck verfestigt, Privatversicherte bekämen sofort Leistungen, während gesetzlich Versicherte Wochen oder Monate warteten. Wenn dies als massives Problem wahrgenommen werde, müsse man daran etwas ändern, so Merz. Das Kanzleramt stellte anschließend klar: Eine Abschaffung des dualen Systems habe der Kanzler damit nicht angekündigt.
Wir haben selbst knapp 26.000 Ärztinnen und Ärzte aus neun Fachrichtungen untersucht und tatsächlich online buchbare Termine nach Versicherungsstatus verglichen. Dort, wo Termine verfügbar waren, warteten gesetzlich Versicherte durchschnittlich 49,1 Tage, Privatversicherte 29,7 Tage. Bei 56,5 Prozent der untersuchten Ärzte war online gar kein Termin für gesetzlich Versicherte sichtbar. Die Untersuchung bildet dabei ausdrücklich den digital sichtbaren Zugang ab, nicht die gesamte ambulante Versorgung.
Merz beschreibt also einen messbaren Unterschied. Daraus folgt aber noch nicht, welche Reform ihn am sinnvollsten behebt.
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Wenn morgen alle Patienten dieselbe Versichertenkarte hätten, gäbe es dadurch noch keinen zusätzlichen Hautarzt, Orthopäden oder Neurologen und keine zusätzliche Sprechstunde.
Die entscheidende gesundheitspolitische Frage lautet deshalb nicht nur, wie Unterschiede zwischen Versichertengruppen reduziert werden können. Sie lautet auch: Wie verkürzen wir Wartezeiten und verbessern die Versorgung insgesamt?
Denn einem gesetzlich Versicherten wäre wenig geholfen, wenn Gleichbehandlung lediglich bedeutete, dass künftig alle gleich lange warten.
Während über Gerechtigkeit diskutiert wird, verschärft sich das Finanzierungsproblem der GKV.
Im ersten Halbjahr 2026 stiegen die Ausgaben der gesetzlichen Krankenkassen um 7,1 Prozent, die Beitragseinnahmen ohne Zusatzbeiträge dagegen nur um 4,1 Prozent. Die Finanzreserven lagen zur Jahresmitte bei rund 7,5 Milliarden Euro beziehungsweise gut 0,2 Monatsausgaben. Das Bundesgesundheitsministerium spricht selbst von einer weiterhin hohen Ausgabendynamik.
Die GKV ist deshalb nicht „pleite“. Ein umlagefinanziertes Sozialversicherungssystem funktioniert anders als ein Unternehmen. Die Zahlen zeigen aber, wie groß der Reformdruck inzwischen ist.
Gerade deshalb gehört ein weiterer Unterschied zwischen beiden Systemen auf den Tisch. Die private Kranken- und Pflegeversicherung verfügte Ende 2025 über rund 355 Milliarden Euro Alterungsrückstellungen. Dieses Geld ist kein frei verfügbares Vermögen. Es wurde aufgebaut, um steigende Gesundheits- und Pflegekosten der Versicherten im Alter mitzufinanzieren.
Die GKV finanziert ihre laufenden Ausgaben dagegen im Wesentlichen im Umlageverfahren. In einer alternden Gesellschaft ist das keine Nebensächlichkeit. Wer das Verhältnis von GKV und PKV grundlegend verändern möchte, muss deshalb auch beantworten, wie diese demografische Vorsorge künftig organisiert werden soll.
Die Diskussion, die Merz angestoßen hat, ist deshalb berechtigt. Unterschiedliche Zugänge zu medizinischer Versorgung verdienen politische Aufmerksamkeit. Aber aus der Feststellung eines Unterschieds ergibt sich noch nicht automatisch die richtige Therapie.
Die entscheidenden Fragen sind größer: Warum steigen die Gesundheitsausgaben schneller als die Einnahmen? Wie bekommen wir mehr medizinische Kapazität? Wie steuern wir Patienten effizienter? Welche Rolle können Prävention und Digitalisierung spielen? Und wie finanzieren wir eine immer älter werdende Gesellschaft?
Am Ende sollte Gesundheitspolitik nicht daran gemessen werden, ob alle dieselbe Versicherungskarte besitzen. Sondern daran, ob möglichst viele Menschen möglichst gut medizinisch versorgt werden.
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