Innerhalb kürzester Zeit tauschte die 16-Jährige den Gokart gegen einen 180-PS-Rennwagen. Das Ziel: die Königsklasse.
Innerhalb kürzester Zeit tauschte die 16-Jährige den Gokart gegen einen 180-PS-Rennwagen. Das Ziel: die Königsklasse.
Elmar Brümmer, Zürich
02.09.2026, 14.26 Uhr
6 Leseminuten

Jörg Mitter / Red Bull
Der Ausflug zur Kartbahn sollte nur ein bisschen Abwechslung in den Ferien sein. Chiara Bättig, damals fünf Jahre alt, vergnügt sich zum ersten Mal mit den knapp 6 PS starken Gefährten. Anfangs ist sie ganz allein auf der Piste, dann kommen zwei Buben, acht und zehn, dazu. Ihre Mutter Natascha Kessler fürchtet, dass der Nachmittag in Tränen enden wird. Tut er auch. Allerdings sind es die Jungs, die wegen des schnellen Mädchens weinen.
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Die frühe Ferienliebe zum Motorsport gedeiht weiter. Heute, mit 16, ist die Zürcherin eines der Talente, die der Formel-1-Rennstall Red Bull in seinem Junior-Team für höhere Aufgaben ausbildet. Sie fährt in der britischen Formel 4, einer der härtesten Nachwuchsmeisterschaften. Ihr Traum deckt sich mit dem der Formel-1-Macher: In naher Zukunft soll endlich eine Frau dauerhaft den Sprung in die Königsklasse schaffen.
Sie will nicht schnell sein, sondern schneller als die anderenDie sozialen Netzwerke und vor allem die Netflix-Serie «Drive to Survive» sorgen dafür, dass fast 40 Prozent des Publikums an den Grand-Prix-Rennstrecken weiblich sind. Der Motorsport ist eine der wenigen Disziplinen, in denen Frauen und Männer in der gleichen Klasse gegeneinander antreten können. Zumindest in der Theorie kommt es nur auf das Talent und die richtigen Rahmenbedingungen an. Was in diesem technischen Sport zwangsläufig auch bedeutet, dass die Kasse stimmen muss. Schon in den Einsteiger-Serien werden Summen zwischen 100 000 und 400 000 Franken fällig. Das übersteigt das Budget durchschnittlicher Haushalte deutlich, eine privat finanzierte Formel-4-Saison geht schon locker über die Millionengrenze.
Auch bei Chiara Bättig musste früh eine Entscheidung fallen: Sie hatte gleichermassen Spass am Skifahren, Tennisspielen, Wakeboarden und Kartfahren – sollte sich aber auf eines davon konzentrieren. Die Eltern waren sicher, dass die Tochter sich für etwas anderes als den Motorsport entscheiden würde. Sie lagen falsch. «Ich will nicht bloss schnell sein, sondern schneller als alle anderen. Und ich liebe vor allem die unmittelbare Auseinandersetzung mit den anderen auf der Rennstrecke», sagt Bättig. Dass Kartfahren die Grundausbildung für jede Formel-1-Karriere ist, wussten die Bättigs damals noch nicht.

Hitech TGR / Red Bull
Mit acht fuhr Bättig ihre ersten offiziellen Kartrennen, mit zwölf gewann sie als Jüngste in der Geschichte die Schweizer Juniorenmeisterschaft. Sie ist die Einzige, die den Titel in der Kategorie dreimal in Folge holen konnte. Richtig auf sich aufmerksam machte sie mit 15 an der Kart-Europameisterschaft. Weniger durch einzelne Resultate, eher durch konstante Rennrunden. Die Späher mehrerer Formel-1-Teams, die bereits in den Schülerkategorien mit einem engmaschigen System nach Talenten suchen, hatten sie auf dem Schirm.
Es folgte im vergangenen Jahr schliesslich eine Einladung von Red Bull zu einer Sichtung nach Estoril, Portugal. Von den zwölf Kandidaten war Bättig die Einzige, die noch nie einen 180 PS starken Formel-4-Rennwagen bewegt hatte. Das kam aber erst heraus, als sie das Auto achtmal abgewürgt hatte. Als es dann endlich losging, landete sie gleich in der ersten Kurve im Kiesbett.

Jörg Mitter / Red Bull
Es war ein Crashtest für die eigene Psyche. Aber auch die Chance, zu zeigen, wie sie mit erhöhtem Druck umgeht. Am Ende der Sichtung lag Bättig vor vielen der erfahreneren Jungs, dank ihrer Fähigkeit, sich von Runde zu Runde besser an Auto und Piste anzupassen und damit die Zeiten kontinuierlich zu steigern. Ein Teil der Anwärter wurde bereits nach dem ersten Tag nach Hause geschickt. Ein echter Shoot-out. Bättig war die Einzige, die in das über verschiedene Formel-Serien verteilte Junior-Team des Getränkekonzerns aufgenommen wurde. Vom legendären Red-Bull-Talentscout Helmut Marko bekam sie zunächst eines der von ihm seltenen Komplimente – und dann einen Ausbildungsvertrag. Der Österreicher war der grosse Förderer von Sebastian Vettel und Max Verstappen, die es durch das Nachwuchskonzept vom Kart bis zum Weltmeistertitel schafften.
Wird sie die Frau, die alle schlägt?Auf der Website der britischen Formel 4 finden sich zwei bemerkenswerte Aussagen von Bättig: Auf die Frage nach ihrer Lieblingssportlerin nennt sie sich selbst – in zehn Jahren. Wo sie in fünf Jahren sein möchte? «In der Formel 1.» Tatsächlich ist die Rennfahrerin jetzt an einem Punkt, an dem ein gesundes Selbstbewusstsein unbedingt nötig ist, aber auch das richtige Haushalten mit dem eigenen Ehrgeiz.
Die Formel 4 ist bereits eine komplexe Rennserie, in der Technik, Intuition, Taktik, mentale Stärke und kalkuliertes Risikobewusstsein gefragt sind. Sie ist eine Art Formel 1 im Kleinen. Geschult wird das an zehn Rennwochenenden mit jeweils drei Wertungsläufen in Grossbritannien, dazu kommt noch eine Winterserie. Das macht Bättig zur ewigen Pendlerin. Reisestrapazen, Rennsport und Schulaufgaben: Sie ist von sich selbst getrieben, ein typisches Rennfahrerattribut.
Dass sie nur eine von wenigen Frauen ist, die bislang eine veritable Chance für den Aufstieg bekommen haben, kümmert sie nicht. Das ist eher für die anderen immer noch etwas Besonderes. Sie weiss, dass sie sich in einer lange von Machos geprägten Sportart den Respekt erarbeiten muss: «Die meisten haben mich über die Saison hinweg akzeptieren gelernt.» Nach zwei Dritteln der Saison liegt sie als Debütantin in der britischen Meisterschaft auf dem 15. Rang – von 38 Startern. Es ist ein grosses und ein enges Feld, viele Grand-Prix-Rennställe testen hier den Nachwuchs. Ein erneuter Verdrängungswettbewerb. Leichter wird es ohnehin nicht mehr. Die Eltern meinen dazu: «Chiara besitzt einen unerschütterlichen Glauben an sich selbst.»
Die bisherigen Resultate sind ordentlich für einen Rookie, aber ihr nicht genug: «Ich will immer am Limit sein.» Der Nervenkitzel, dass es mit einer falschen Lenkbewegung vorbei sein kann, gehört dazu. Gelegentlich muss sie dazu den ausgeprägten eigenen Willen und die Vernunft synchronisieren: «Am Anfang war ich immer von null auf hundert, jetzt bin ich mehr darauf fokussiert, mich heranzutasten.» Nachsatz: «Das aber möglichst rasch.» Nach jedem Renneinsatz muss sie einen Rapport an die Zentrale in Milton Keynes schicken. Dort wird bestimmt, ob und wo es im kommenden Jahr für sie weitergehen wird.
Für gewöhnlich absolvieren Rennfahrer in den unteren Formel-Klassen drei Saisons, wenige schaffen den direkten Durchmarsch. Das nächste Ziel wäre die Formel 3, die mit der Königsklasse um die Welt tourt. Dass sie nur mit weiteren Ausnahmeleistungen aufsteigen kann, schreckt Bättig nicht ab. Mit dem geforderten Durchsetzungsvermögen geht sie pragmatisch um: «Entweder du bist schnell oder nicht schnell.» Red Bull hat über zwanzig Talente in die Formel 1 gebracht, unterhält dort mit den Racing Bulls ein eigenes Juniorenteam, aber eine Garantie gibt es natürlich nicht. So hat es der Waadtländer Sébastien Buemi zu einem Cockpit geschafft, der Ostschweizer Neel Jani hingegen nicht. Beide Schweizer hatten ihre grossen Erfolge bei den 24 Stunden von Le Mans.
Für Bättigs Idol Max Verstappen, dessen Mutter eine ausgezeichnete Kartfahrerin war, kommt es nicht aufs Geschlecht an, sondern auf die Entschlossenheit. «Es gibt einfach weniger Frauen, die mit diesem Sport beginnen. Daher ist der Prozentsatz, der es bis an die Spitze schaffen kann, natürlich geringer.» Der Niederländer ist sich aber sicher: «Kein Teamchef würde einen Mann nehmen, wenn es gleichzeitig eine Frau gibt, die alle schlägt.»
Eine wichtige Währung im Motorsport ist die Aufmerksamkeit, von Anfang an. Die Formel 1 hat dafür die Formel Academy ins Leben gerufen: eine reine Frauenserie, die im Rahmen vieler Grosser Preise antritt. In Silverstone durfte sich Bättig mittels einer Wild Card mit den Kolleginnen vor 175 000 Zuschauern messen. Sie holte sich auf Anhieb und als jüngste Fahrerin in der Geschichte der Akademie die Pole-Position und wurde im Rennen Zweite. Die Akademie-Chefin Susie Wolff, die 2015 als letzte Frau an einem Formel-1-Wochenende mitgefahren ist, hatte ihr nur eins mit auf den Weg gegeben: «Hab einfach Spass hier.» Dank ihrem Vermögen zur rasanten Anpassung wurde Bättig auch hier mit jeder Runde schneller. Allein damit, dass sie am selben Tag Geburtstag hat wie Ayrton Senna, kann das kaum liegen.

Dutch Photo / Red Bull
So richtig etwas von Formel 1 hat sie im Trubel von Silverstone nicht mitbekommen. Wie gut, dass sie ihren allerersten Grand-Prix-Besuch kurz davor auf eigene Faust organisiert hatte. Zwei Wochen Ferien in der Toskana hatten die Eltern ihr im Juni verordnet, eine bewusste Pause vom Racing.
Das funktionierte allerdings nur so lange, bis die Tochter herausfand, dass es von Pisa aus nur ein paar Stunden mit der Bahn nach Monte Carlo sind. Die Live-Premiere gleich beim Klassiker schlechthin zu erleben, das war schon etwas anderes als die Rennnachmittage als Kind neben dem Grossvater auf dem Sofa. Kaum aus Monaco am Ferienort zurück, ging es mit Freunden schon wieder auf Tour – diesmal zu den 24 Stunden von Le Mans. Nein, Entschleunigung ist wirklich nicht das Ding von Chiara Bättig.