Near Water wirkt leicht, modern und gesund. Ein Blick auf Zutaten und Wirkung entzaubert das Image jedoch ziemlich schnell.
Near Water wirkt leicht, modern und gesund. Ein Blick auf Zutaten und Wirkung entzaubert das Image jedoch ziemlich schnell.
Sobald die Temperaturen steigen, taucht in den Getränkeregalen eine Produktgruppe auf, die mehr sein möchte als bloßes Wasser. Fresh, Balance, Vital, Wellness – die Namen sollen Frische, Natürlichkeit und Gesundheit vermitteln, und der Preis pro Liter liegt oft beim Drei- bis Vierfachen von stillem Mineralwasser.
Die Rede ist von sogenannten Near-Water-Getränken, gelegentlich auch als „Wasser mit Geschmack“ oder „Aqua Plus“ vermarktet. Lohnt sich der Griff dorthin, oder zahlt man am Ende vor allem für ein gutes Gefühl?
Uwe Knop ist evidenzbasierter Ernährungswissenschaftler, der fundierte Orientierung für selbstbestimmte Ernährungsentscheidungen bietet. Er ist Teil unseres EXPERTS Circle.
Die Basis ist, wenig überraschend, Wasser – mal Mineralwasser, mal ganz normales Trinkwasser, mit oder ohne Kohlensäure. Ergänzt wird das Ganze durch meist sehr geringe Mengen an Pflanzenextrakten, etwa aus Zitronengras, Ingwer oder Sanddorn.
Die eigentliche Geschmackswirkung stammt jedoch meist von zugesetzten Aromen. Gesüßt wird je nach Produkt mit klassischem Zucker, Traubenzucker, Fruchtzucker oder gelegentlich Honig, bei den zuckerfreien Varianten mit Süßstoffen. Ein Blick aufs Etikett zeigt schnell, in welcher Kategorie man landet.
Viele Near-Water-Produkte werben zusätzlich mit zugesetzten Vitaminen, etwa Vitamin C oder solchen aus der B-Gruppe. Das klingt nach Mehrwert, ist aber für die meisten Menschen schlicht überflüssig. Wer sich einigermaßen ausgewogen ernährt, deckt seinen Vitaminbedarf in der Regel über die normale Ernährung.
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Zusätzliche Vitamine bringen den meisten Menschen keinen gesundheitlichen Vorteil und können die Gesamtaufnahme unnötig erhöhen, wenn mehrere angereicherte Produkte zusammenkommen – ein Vitaminwasser hier, ein angereicherter Fruchtsaft dort, dazu ein Frühstückscerealien-Produkt mit Zusatzvitaminen. Das Gleiche gilt für zugesetzte Mineralstoffe, deren Kennzeichnung im Gegensatz zum natürlichen Mineralstoffgehalt des verwendeten Wassers sogar verpflichtend ist – Hersteller müssen den natürlichen Gehalt nicht ausweisen, wohl aber das, was sie künstlich hinzufügen.
Bei den zuckerhaltigen Varianten kommt ein weiterer Punkt hinzu: Man nimmt Kalorien auf, ohne davon satt zu werden. Flüssige Kalorien sättigen deutlich schlechter als feste Lebensmittel. Das unterscheidet Near Water grundsätzlich nicht von jeder anderen gesüßten Limonade – nur dass die Verpackung suggeriert, man täte sich etwas Gutes. Die zuckerfreien Versionen mit Süßstoffen umgehen dieses Problem zwar kalorisch, bleiben aber ebenfalls ein Produkt, dessen gesundheitlicher Zusatznutzen sich in Werbetexten erschöpft.
Ganz so einseitig, wie es bislang klingt, muss man das Thema aber nicht sehen. Near Water kann für Menschen, die pures Wasser langweilig finden, durchaus eine sinnvolle Alternative sein. Wenn dadurch insgesamt mehr getrunken wird – insbesondere anstelle stark gezuckerter Softdrinks –, ist das im Alltag nicht das Schlechteste.
Braucht ein Mensch Near Water? Nein. Wasser tut denselben Job – kostenlos aus der Leitung oder für ein paar Cent aus der Flasche, ganz ohne Marketingversprechen. Wer sich Geschmack wünscht, kommt mit einem Schuss Frucht- oder Gemüsesaft, etwas abgekühltem Kräutertee, frischer Minze oder einer Scheibe Zitrone günstiger und geschmacklich mindestens genauso gut weg.
Trotzdem: Wer die bunten Fläschchen probieren möchte, wer den Geschmack mag und bereit ist, den Aufpreis für Marketing, Aroma und Design zu zahlen – warum nicht? Es ist niemandes Aufgabe, dieses Konsumverhalten zu bewerten oder zu verbieten. Solange niemand behauptet, damit tue er etwas medizinisch Notwendiges oder Gesundes, ist das reine Privatsache. Genuss braucht keine Rechtfertigung, auch nicht bei 1,99 Euro für einen halben Liter künstlich aromatisiertes Wasser.
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