Die Langstrasse ist das Herz des Zürcher Rotlichtmilieus. Mittendrin: Sigi Huber, der schillernde Wirt des «Biergarten». Doch die Welt, in der er gross geworden ist, verschwindet gerade.
Die Langstrasse ist das Herz des Zürcher Rotlichtmilieus. Mittendrin: Sigi Huber, der schillernde Wirt des «Biergarten». Doch die Welt, in der er gross geworden ist, verschwindet gerade.
04.10.2026, 05.02 Uhr
8 Leseminuten
Wenn Sigi Huber ruft, versammelt sich die alte Garde der Langstrasse. Auf einem Barhocker vor dem «Biergarten» thront ein rotgesichtiger ehemaliger Barkeeper, den alle bloss den «schönen Ruedi» nennen. An einer Hand trägt er eine teure Armbanduhr, und er hält eine Zigarre, in der anderen hält er ein Bierglas. Die weissen Haare sind nach hinten gekämmt, das Hemd bloss über dem Bauch zugeknöpft.
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Weiter hinten sitzt Valentin Landmann, schweizweit bekannter Milieuanwalt und SVP-Politiker. Und Felix «Fige» Hollenstein, der es als Eishockeyprofi in den neunziger Jahren bei Kloten zu Ruhm und vier Meistertiteln gebracht hat.
Wie früher stehen vor dem Milieulokal an der Hohlstrasse die schweren Motorräder der Rocker, von denen ein paar in ihren Kutten herumstehen. Ein alter Continental mit Thurgauer Kennzeichen und Sprüchen am Heck («Ich bremse nur zum Kotzen») ist in der ersten Reihe parkiert.
Es gibt Würste, Bier, Zigarren und viele Erinnerungen an vergangene Zeiten. Und ein Musiker mit Handörgeli singt: «Marmor, Stein und Eisen bricht, aber unsere Liebe nicht.»


Huber, gerade 70 geworden, tritt vor die Gäste. Ein hagerer, grauhaariger Mann mit wettergegerbtem, kantigem Gesicht und ausgeblichenen Tätowierungen auf beiden Unterarmen. Er erzählt von den struben Zeiten, die er im «Biergarten» erlebt hat. Dann sagt er: «Aber ein paar Jährchen werde ich euch noch erhalten bleiben.»
Siegfried Huber, wie Sigi bürgerlich heisst, war viele Jahre lang so etwas wie der ungekrönte Gastro-König an der Langstrasse. Er besass mehrere Bars und Beizen, führte schweizweit rund 70 weitere in Pacht und belieferte sie mit Getränken. Seit neun Jahren ist er Präsident des Gewerbevereins im Kreis 4. Es gab Zeiten, da kannten ihn an der Langstrasse alle. Geschäftsleute, Beamte, Polizisten, Rocker, Zuhälter, Prostituierte – und mittendrin Huber.
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Doch das ist Vergangenheit. Denn das Quartier, in dem Huber einst gross geworden ist, ist nicht mehr dasselbe. Viel mehr Wohnungen als früher, gut verdienende Neuzuzüger, daneben 24-Stunden-Shops, Partygänger und einige Klubs. Und gleich daneben ein Elend, das sich in den letzten Jahren verschärft hat: Prostituierte, die ihre Dienste in schäbigen und überteuerten Absteigen anbieten müssen. Viele von ihnen kontrolliert und ausgebeutet von kriminellen Netzwerken.
Sigi Huber kennt diese Entwicklung. Kaum einer hat die Veränderungen an der berüchtigtsten Strasse der Stadt so nah miterlebt wie er. Er sagt: «Ich vermisse die früheren Zeiten. Da bist du in die Beizen rein, das war wie in einer Stube. Das war wie ein Zuhause. Vieles davon ist heute weg.»


Huber wächst in der Zürcher Agglomerationsgemeinde Adliswil auf. Bis seine Eltern 1970 beschliessen, ins Toggenburg zu ziehen und sich dort einen Bauernhof zu kaufen. Huber macht eine Lehre als Maschinenschlosser. Doch richtig daheim fühlt er sich auf dem Land nicht. «Mir wurde langweilig, also ging ich zurück nach Zürich.»
1976 zieht er in die Stadt, da ist er gerade 20 geworden.
Er wird Zürich nie wieder verlassen. Vor allem einen Ort nicht: die Langstrasse mit ihren von italienischen Einwanderern geführten Läden, Kneipen und Quartierbeizen. Wo Rocker, schillernde Geschäftsmänner, Ganoven und Milieugrössen verkehren und den Ton angeben. «Der Kreis 4 war ein Dörfchen, jeder kannte jeden», sagt Huber.
Mit einem Kollegen gründet er eine Lastwagenfirma, die auf internationale Transporte spezialisiert ist. Daneben stellt er auch Spielautomaten auf. Doch nach einem Jahr ist bereits wieder Schluss, denn das Geschäft ist hart und wirft kaum etwas ab. Huber sagt: «Wir dachten, wir hätten Geld verdient. Doch dann mussten wir die Reifen am Lastwagen ersetzen. Und das Geld war wieder weg.»
Huber sieht sich nach anderen Geschäftsmöglichkeiten um. Fünf Jahre nach seiner Ankunft in Zürich übernimmt er die Okay-Bar an der Neufrankengasse. Es ist der Beginn seines Aufstiegs zum Milieubeizer.
Einige Jahre ist er auch Teil der Zürcher Rockerszene. Doch irgendwann trennen sich die Wege. Geblieben sind das Faible für grosse Motorräder, die Kontakte zu den Motorradklubs – und die Tätowierungen an Hubers Unterarmen.
1983 fängt Huber als Vertreter bei einem Getränkelieferanten an. Knapp zehn Jahre später übernimmt Huber das Unternehmen und verkauft es 2011 an Feldschlösschen – mitsamt den Lieferrechten für Restaurants, Bars und Festivals.


Ein lauer Spätsommerabend im September. Sigi Huber ist gerade zurück von einer Motorradtour. Er hat sich eine neue Maschine gekauft, weniger schwer als die alte. Eine, die auch ein alter Mann noch heben könne, wenn sie umfalle. Huber lacht schallend.
Er sitzt auf einem Barhocker vor dem «Biergarten», vor ihm auf dem Tisch steht eine Cola. Alkohol vertrage er nicht mehr so viel, sagt er.
Der «Biergarten» ist die letzte Kneipe an der Langstrasse, an der Huber bis heute beteiligt ist. In den siebziger Jahren eröffnete ein ehemaliger Geschäftspartner das Lokal, Huber übernahm es einige Jahre später. Er nennt es sein Zuhause.
Huber erarbeitete sich in all den Jahren einen Ruf. Den Ruf eines kantigen Unternehmers, der immer für einen lockeren Spruch zu haben ist. Jene, die ihn nicht mögen, sagen, er sei dem Milieu immer etwas zu nah gestanden. Die anderen sagen, er sei immer er selbst geblieben.
Die Rocker respektieren ihn – obwohl er einst ausgestiegen ist. Ein Mitglied eines Motorradklubs sagt: «Sigi kannst du mitten in der Nacht anrufen, und er hilft dir.» Er halte sich noch an den Ehrenkodex, etwas, das an der Langstrasse kaum mehr vorkomme. Und einer, der es mit allen könne.
Auch mit dem Schweizer mit türkischen Wurzeln, den alle nur unter dem Namen «Papi» kennen. An diesem Abend sitzt der Mann, kahlgeschorener Schädel und sonnengegerbte Haut, vor seinem Lokal direkt an der Langstrasse. Als er Huber sieht, winkt «Papi» ihn zu sich. Huber bestellt bei einer Kellnerin Weisswein. «Epesses – einen Halben.» Ob er noch etwas wolle, fragt sie ihn. «Am liebsten dich.»
«Papis» Name ist sogar in einem Milieulokal verewigt. «Schweizerdegen – El Papi», prangt in schwarzer Schrift auf der weissen Tafel neben dem Eingang des Restaurants, in welchem er seit vielen Jahren als Wirt arbeitet.
«Papi» ist mehr als nur Gastronom. Er ist auch Immobilienbesitzer und eine zentrale Figur im Zürcher Rotlichtmilieu. Ein paar Schritte entfernt befindet sich sein zweites Standbein, die Lugano-Bar. Das Lokal ist bekannt als Kontaktbar, in der sich Prostituierte und Freier treffen. In den oberen Stockwerken vermietet «Papi» Zimmer an Frauen. Ein weitverbreitetes Geschäftsmodell im Langstrassenquartier. Huber selbst hat nie Zimmer vermietet.


Die beiden Männer sprechen über die Vergangenheit. «Papi» erzählt von damals, den goldenen achtziger Jahren. Da habe er manchmal 3000 Franken Umsatz in einer Stunde gemacht. Das war lange vor dem Aufkommen der 24-Stunden-Shops, die heute die Langstrasse säumen. «Wenn du hier 6 Franken für eine Stange zahlst und dort 2 Franken für einen halben Liter Bier, warum sollen die Jungen dann noch hierherkommen?», fragt er. Kein Wunder, sei nichts mehr los an der Strasse.
Und dann die Wohnungen, die gleich auf der anderen Seite gebaut werden. Das mache es noch schwieriger, sagt «Papi». Nachtleben, Lärm und Milieu vertragen sich nur schlecht mit Anwohnern, die auch einmal ihre Ruhe wollen. Vor dem Umbau zog dort der Kultklub Zukunft die Partygänger an. Seit dem Ende des Klubs im Frühling 2025 verhandelt die Stadt über die Zukunft der Langstrasse. Oder besser gesagt, sie beklagt den Niedergang der alten Partymeile.


Sigi kennt den Ehrenkodex der alten Milieufiguren und halbseidenen Geschäftsmänner. Kein Wunder, er kennt sie ja alle. Und vor allem: Alle kennen ihn.
Da marschiert er, der ungekrönte Gastro-König der Langstrasse mit seinem Gefolge. Unerkannt von der Jugend, respektiert von den alten Schlachtrössern, bewundert von seinen Stammgästen. Neugierige Blicke verfolgen ihn aus Schaufenstern. Huber packt nun Geschichten aus.
Er erzählt von einem Wegbegleiter, der im Alter dem Alkohol abgeschworen habe, aber dann mit dem Koksen angefangen habe: «Dafür musste der 80 Jahre alt werden. Dieser Idiot.» Oder von einem Barbesitzer, der Absteigen überteuert an Sexarbeiterinnen vermietet. Ein übler Typ, der die Zimmer der Frauen mit einem Vorhängeschloss verschliesse, wenn sie nicht zahlten.
Huber sagt gerne, was er denkt. Neulich ist er dem neuen Besitzer der ehemaligen Milieubeiz «Sonne» vis-à-vis seinem «Biergarten» an den Karren gefahren. Ab Herbst sollen Asylsuchende vorübergehend in das Haus einziehen. Huber hält das für einen Fehlentscheid, was er als Präsident des Gewerbevereins auch öffentlich kundgetan hat. Der Besitzer der «Sonne» sei dann auf ihn zugekommen. «Nun verstehe ich, dass er nicht anders konnte», sagt er. «Wir verstehen uns.»
Huber führt zu seinen alten Lieben. Bars, die er einst selbst geführt hat. Sie heissen heute «Midway» und «Roxy».
Vor der Midway-Bar kommt ihm eine thailändische Bardame entgegen. Die beiden umarmen sich innig. «Wir kennen uns schon lange», sagt Huber. Er selbst ist das zweite Mal verheiratet. Seine Ex-Freundin führt eine Bar in Winterthur, die schon seit 45 Jahren ihm gehört, die Ex-Frau lebt in Arizona, USA.


Auf dem Weg zurück in den «Biergarten», vor einem Coop Pronto: Zwei Männer geraten aneinander. Sie lallen, torkeln und schimpfen sich gegenseitig «Hurensohn». Einer schubst den anderen, der andere strauchelt, wird von einem Kollegen aufgefangen.
Huber beobachtet die Szene amüsiert. Er steht vor der «Sonne», wo bald Asylsuchende einziehen sollen. In das Haus ist vorübergehend ein Klub des Zürcher Szenegastronomen Sami Khouris eingezogen.
Es ist die neuste Attraktion an der Langstrasse. Von aussen sieht das Lokal aus wie ein Fotogeschäft aus den neunziger Jahren. Hinein kommen nur Mitglieder – und Huber. Denn als der Betreiber Khouris, ein Hüne mit Basecap und Bomberjacke, beim Klub auftaucht, fragt er den alten Milieubeizer, ob er einen Blick riskieren wolle. Huber will. Und schon öffnet sich für ihn in der Wand der Fotoauslage eine versteckte Türe.
Im Innern ist erst wenig los. Eine Frauengruppe mit teuren Handtaschen bestellt Drinks an der Bar. Huber streift durch die Räume, wirft einen Blick ins Fumoir, das aussieht wie die Rumpelkammer eines Serverraums. Überall an der Wand stecken Kabel und Platinen. «Alles Kulisse», sagt Sigi. Mit Gebäudetechnik kennt er sich aus.
Dann hat er genug gesehen. Beim Weggehen sagt er: «Der macht das gut.»
Dann marschiert er zurück in den «Biergarten». Bald ist Mitternacht. Huber bestellt ein letztes Glas für sich und ein Cüpli für die junge Kellnerin. Er kommt ins Grübeln. Ihn beschäftigt, wie es mit seiner Beiz weitergeht. Erst vor kurzem hat er seinem Geschäftspartner weitere Anteile am Lokal verkauft.


Huber sagt: «Ich mag nicht mehr.» Er möchte sich langsam zurückziehen.
Nicht, dass er müde wäre. Auch mit 70 arbeitet er als Allrounder bei einer Immobilienfirma. Sigi Hubers Müdigkeit hat mit dem Gastgewerbe und dem «Biergarten» zu tun. Er sagt: «Das Geschäft ist nicht mehr so rosig.» Die Pandemie, die 24-Stunden-Shops, das Drogenelend. Die alte Langstrasse, die langsam verschwindet.
Noch kommen sie vorbei, die alten Schlachtrösser. Und noch kann er nicht loslassen. Also sitzt Huber da, zwischen Wurststand und Rotlichtmilieu. Man grüsst ihn und erzählt ihm aus dem Leben. Nur werden die Gäste und ihre Geschichten nicht jünger.