Der Ökonom Tom Krebs plädiert in der FAZ für eine geplante Marktwirtschaft und Preiskontrollen zum Beispiel bei Strom. Der Zukunftsforscher Daniel Dettling hofft in der taz auf eine neue Partei für die radikale Mitte. Die Zeit sieht eine Europadämmerung heraufziehen, angesichts der mauen Zukunftsaussichten der jüngeren Generationen. Die Medien sind sich über die französischen Unruhen noch recht uneins: Geht es um "Free Europe", "Free Palestine" oder "Free Gucci"? Und: Die Zeitungen verabschieden Alice Schwarzers Emma.
22.10.2026. Der Ökonom Tom Krebs plädiert in der FAZ für eine geplante Marktwirtschaft und Preiskontrollen zum Beispiel bei Strom. Der Zukunftsforscher Daniel Dettling hofft in der taz auf eine neue Partei für die radikale Mitte. Die Zeit sieht eine Europadämmerung heraufziehen, angesichts der mauen Zukunftsaussichten der jüngeren Generationen. Die Medien sind sich über die französischen Unruhen noch recht uneins: Geht es um "Free Europe", "Free Palestine" oder "Free Gucci"? Und: Die Zeitungen verabschieden Alice Schwarzers Emma.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.10.2026 finden Sie hier
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Im Interview mit den Wirtschaftsseiten der FAZ plädiert der Mannheimer Ökonom Tom Krebs für eine "geplante Marktwirtschaft" inklusive Preiskontrollen "und dazu eine indikative Wirtschaftsplanung und den Ausbau öffentlichen Eigentums, zum Beispiel im Bereich der Infrastruktur, der Daseinsvorsorge und vielleicht in der Grundstoffindustrie. Das ist der kontroverseste Punkt." Konkret möchte er beispielsweise "eine Strompreisbremse für alle Haushalte und Unternehmen bis zum Jahr 2035, um Planungssicherheit zu schaffen und die Transformation voranzutreiben". In diesem Bereich gebe es ohnehin keinen echten Kapitalismus: "Der Stromnetzbetrieb ist ein regulierter Monopolist. Dort werden zweistellige Renditen gezahlt, die wir alle über höhere Strompreise bezahlen. Internationale Finanzinvestoren verlangen eben diese Renditen. Andere EU-Länder haben Netze und Infrastruktur nicht so stark privatisiert, und das ist einer der Gründe, warum Strom dort günstiger ist. Wo es keinen Wettbewerb gibt und nie geben wird, sollte der Staat klar sagen, dass er niedrigere Strompreise will und deshalb auch niedrigere Renditen."
Auch in Deutschland radikalisiert sich die Mitte, die bei CDU und SPD eine Zukunftsvision vermisst, während AfD und Linke gleich ganz auf "Retropia" setzen, meint der Zukunftsforscher Daniel Dettling in der taz. "Wie Mut zur Zukunft geht, lässt sich von Kanada lernen. Der dortige Premierminister Mark Carney verfolgt mit seiner Idee des 'Nation Building' das Ziel, sein Land unabhängiger von den USA und mit großen Infrastruktur- und Rohstoffprojekten ökonomisch stärker zu machen: 'Build, baby, build', so sein Appell. Statt von Zumutungen spricht er von 'Opportunities', von Möglichkeiten und Chancen. Aufgabe politischer Führung ist es, aus dem Gefühl zunehmender Unsicherheit eine Politik der neuen Sicherheit zu machen, Orientierung zu geben und für eine bessere Zukunft zu sorgen. Im Kern ist die Antwort auf die radikale Mitte eine Partei 'Mitte pur', die Orientierung schafft, selbstkritisch nach Lösungen sucht, zukunftsfähig ist, anständig bleibt, die Gesetze einhält und ihre Sprache pflegt."
In der Zeit sieht Elisabeth von Thadden mit Blick auf die Proteste in Frankreich und Italien bereits eine "Europadämmerung" heraufziehen, denn der Jugend sei die Zukunft abhanden gekommen. Allerdings gibt es auch interessante Unterschiede: "Die eigene Zukunft hat, wenn man Mitte zwanzig ist und in Europa lebt, ein echtes Erwartungsenttäuschungs-Problem. Die aktuellen Studien zur europäischen Jugend liefern ein hochdiverses Gesamtbild, das die interessantesten Unterschiede aufweist: Die jungen Polen beispielsweise, eher optimistisch gestimmt, sind nicht auf den Straßen, wie auch die Skandinavier nicht. Die jungen Spanier wählen nicht auffällig rechtspopulistisch, wie es junge Deutsche und Franzosen tun, protestieren aber für erschwingliche Mieten. Die jungen Italiener haben nicht in besonders markanter Zahl Giorgia Meloni gewählt, sie protestieren für ein bezahlbares Leben, doch zudem für bessere Bildung, wie es auch die jungen Franzosen tun. Die Motive der Demonstranten aber sind hier wie dort durch marodierende Plünderer überdeckt. Doch eins haben diese jungen Leute, die da in europäischen Zahlen statistisch kühl erfasst werden, messbar gemeinsam: Die Wärme des Lebensgefühls schwindet. Der Optimismus nimmt ab, die Hälfte der Jugend meint, es werde der eigenen Generation schlechter gehen als den Eltern. Nur die Hälfte hält noch die Demokratie für die beste Staatsform, nicht grundsätzlich, sondern weil sie nicht hinreichend gut funktioniere."
Die CDU prangert verstärkt den Antisemitismus in der Berliner Linkspartei an, den diese dringend bekämpfen müsse, um regierungsfähig zu werden. Das sieht auch der Historiker Volker Weiß in der SZ so. Dennoch fällt ihm auf, wie resolut die CDU gegen die Linkspartei argumentiert, viele ihrer Vertreter die AfD aber nicht im gleichen Ton angreifen: "Das nährt den Verdacht, dass manche 'Antisemitismus' sagen, aber 'Wohnungspolitik' meinen. Hinzu kommen ahistorische Vergleiche der Berliner Kommunalisierungspläne mit der nationalsozialistischen Arisierung. Solche Positionen laufen Gefahr, in der Kommunikation 'Juden' für Immobilienkonzerne zu setzen und damit die antisemitische Legende vom jüdischen Reichtum zu stützen. (...) So begrüßenswert also die Kritik am Antisemitismus ist, sie muss sowohl die nationalkonservative 'Schuldkult'-Rhetorik als auch die antiimperialistische 'German Guilt'-Parole treffen. Historisch war von links über liberal bis rechts ohnehin jede Strömung für das antijüdische Ressentiment anfällig."
Im Interview mit Zeit-Online distanziert sich der Aktivist Suraj Mailitafi von dem Bündnis "Widersetzen", das im Juli den AfD-Parteitag blockiert hat (unsere Resümees). Mailitafi hatte vor Ort als Sprecher des Bündnisses agiert, auf dessen Demonstration es zu Gewalt gegen Journalisten gekommen war. Er wolle sich jetzt dafür entschuldigen: "Ich war erschrocken. So etwas darf bei einem Protest, zu dem wir aufgerufen haben, nicht passieren. Wir haben in der Bewegung darüber gesprochen, um eine gemeinsame Haltung zu entwickeln. Das ist bis jetzt nicht gelungen. Mein Fehler war, dass ich dann geschwiegen habe, statt für mich selbst klar zu sagen, dass ich diese Gewalt verurteile."
Charlie Hebdo zum 17. Oktober:
https://t.co/3FzYYVdbRG
- Victor PEREZ פרץ ויקטור (@perezvictorhaim) October 21, 2026
Mélenchons linkspopulistische Partei La France insoumise hat ein geradezu trumpeskes Verhältnis zu Medien, schreibt die Autorin Nora Bussigny in der NZZ. Dafür gibt es einige Beispiele: "Im Februar 2026 forderte die LFI-Kandidatin für das Pariser Bürgermeisteramt, Sophia Chikirou, Journalisten auf, ihren Presseausweis 'zurückzugeben'. Gleichzeitig hielt die Partei eine Pressekonferenz ab, zu der ausschließlich 'alternative digitale Medien' zugelassen waren, die der Partei wohlgesinnt sind. Unter ihnen befanden sich junge Aktivisten und das Medium Paroles d'honneur, das im Namen des Postkolonialismus das iranische Regime und den palästinensischen Terrorismus unterstützt. Gegründet wurde Paroles d'honneur von Houria Bouteldja und anderen Vertretern des Parti des indigènes de la République, einer Partei, die rassistische und antisemitische Theorien verbreitet."
Diese zwölfminütige Reportage des französischen Staatssenders France 2 hat die Gemüter so erregt, dass die kommunistische Gewerkschaft CGT den Rausschmiss des Anchorman Laurent Delahousse forderte - sie zeigt Bilder aus dem Herzen der Gewalttaten am 17. Oktober und kommt mit wenig Kommentar aus - so dass sie auch für ein nicht französisch sprechendes Publikum interessant ist.
Puisque la CGT voulait censurer ce reportage " Au cœur des violences ", et avant que celui-ci ne soit supprimé, en voici une sauvegarde. À voir ou à revoir. https://t.co/9MPklHWWaO
- Enzo Morel (@mtwit75) October 21, 2026
Anlässlich der Wahlen in Israel schreibt der Musikdirektor des Israel Philharmonic Orchestra und Chefdirigent der Münchner Philharmoniker Lahav Shani einen Beitrag in der SZ (der zuerst auf Hebräisch im Haaretz erschien), in dem er Netanjahu wegen seiner Verantwortung rund um den 7. Oktober indirekt zum Rücktritt auffordert und mehr Mitgefühl mit den Palästinensern einfordert. "Auch wenn es die Hamas war, die den Angriff begonnen und am 7. Oktober das brutale Massaker verübt hat, beschränken sich die Opfer des darauffolgenden Krieges nicht allein auf Israelis. Mitgefühl ist ein jüdischer Wert von tiefer historischer Bedeutung, und es ist unerlässlich, dass wir uns eine einfache Wahrheit zu Herzen nehmen: Ohne gegenseitiges Mitgefühl wird es niemals eine Lösung für den Konflikt geben. Derselbe moralische Kompass sollte auch unseren Umgang mit der ausufernden Gewalt von Siedlern im Westjordanland leiten - einer Gewalt, die eine unmissverständliche Verurteilung und ein Eingreifen erfordert, um ihr ein Ende zu setzen." Ebenso deutlich verurteilt er die antisemitische Ausschreitungen gegen Israelis auf der ganzen Welt.
Die Feuilletons verabschieden sich von Alice Schwarzers Emma, die nach knapp 50 Jahren im Dezember das letzte Mal erscheint. Alle Autoren blicken nochmal auf die Geschichte der Emma zurück, feiern ihre vergangenen journalistischen Coups zu Themen wie Gleichberechtigung, Prostitution und Abtreibung.
"Nach wie vor wissen die meisten Menschen in Deutschland, wer Alice Schwarzer ist, und fast ebenso vielen dürfte der Name Emma etwas sagen", dies sei Alice Schwarzers Leistung, sich selber und das Thema Feminismus immer aktuell zu halten, schreibt Tatjana Coerschulte in der FR. "Nur: Gelesen haben das Magazin immer weniger Menschen, immer mehr wenden sich inzwischen ab, wenn Schwarzers Name fällt. Diese Entwicklung geht ebenfalls zur Gänze auf ihre Kappe. Der jüngste Tiefpunkt war erreicht, als sich Alice Schwarzer 2023 neben die ähnlich egomanische Sahra Wagenknecht auf eine Bühne stellte und ein Ende der Waffenlieferungen für die Ukraine forderte. Die Auflage der Emma sei danach um ein Fünftel abgesackt, räumte Schwarzer später ein."
Diesen Fehltritt sieht auch Claudia Schwartz in der NZZ kritisch, konstatiert aber: "Die Themen von Emma haben sich nicht erledigt, wie man am Beispiel der Abtreibungsdebatte sieht. Deshalb ist dieser Abschied von einem Magazin, das sich die feministische Perspektive wie kein anderes auf die Fahnen geschrieben hatte, auch von Wehmut begleitet."
In der SZ blickt Susan Vahabzadeh auf das angespannte Verhältnis vieler junger Feministinnen zu Schwarzer, das sich vor allem bei Themen wie Transidentität und Kopftuch zeigt: "Vielleicht ist es in Ordnung, wenn neue Generationen Dinge anders sehen, auch wenn man ihnen wünschen mag, dass sie nicht wieder bei Adam und Eva anfangen und der Blick zurück bei der Gestaltung des eigenen Weges Inspiration und Fehlervermeidung gleichermaßen sein kann. Noch vor Emma schrieb Alice Schwarzer: 'Denn die Männer haben es geschafft, dass wir Frauen unsere Heldinnen nicht nur ignorieren, sondern uns da, wo sie von der männlichen Geschichtsschreibung noch nicht ganz ausradiert wurden, ihrer schämen.'"
Einen Lobgesang auf die Emma hält Ulf Poschardt in der Welt. Er dankt Schwarzer für ihre jahrelange Arbeit als Feministin und ihre Unnachgiebigkeit gegenüber linken Feministinnen. "Dies ist kein Nachruf auf Alice Schwarzer. Ihr geht es blendend. Sie sieht strahlender aus denn je, und wer das Vergnügen hat, sie zu treffen, wird mehr lachen als mit all den sauertöpfischen Virtuosinnen des Neofeminismus, die von ihrer eigenen moralischen Reinheit wie von einer schweren Bürde niedergedrückt werden. Alice Schwarzer hat etwas bewahrt, was vielen ihrer selbst ernannten Erbinnen abhandengekommen ist: Humor, Lebenslust, die Freude an der Provokation und die Fähigkeit, auch über sich selbst zu lachen."
Deutlich kritischer bilanziert Claudia Reinhard (Tagesspiegel) Schwarzers Position nach 50 Jahren an der Spitze der Emma. "Man muss das bedauern, sosehr Schwarzer für ihre Standhaftigkeit und ihre Verdienste zu bewundern ist. 50 Jahre lang war sie Geschäftsführerin und Herausgeberin der Emma, auch fand sie nie eine andere Chefredakteurin, die ihren Ansprüchen genügt hätte. Das Attribut 'unbequem' trägt sie zu Recht bis heute stolz vor sich her - dass sie aus dieser Unbequemlichkeit über die Zeit aber wenig Beweglichkeit abgeleitet hat, ist für Feministinnen, die heute einem globalen kulturellen Backlash gegenüberstehen und nun auch von Schwarzer noch mal explizit zu Gegnerinnen erklärt werden, zweifellos eine herbe Enttäuschung."
In der FAZ salutiert Michael Hanfeld Alice Schwarzer und der Emma: "Sie hat Geschichte geschrieben." In der taz tritt Carolina Schwarz zum Abschied kräftig nach: Zwar habe die Emma "auch Verdienstvolles" geleistet, aber viel schwerer wiegt für sie die "die Ich-Bezogenheit" Alice Schwarzers und die Tatsache, "dass ein Großteil der Medienwelt bis heute den Zustand der feministischen Bewegung von dieser einen Person ableiten möchte und ihr trotz aller kruder Themen und Allianzen mit rechten Kräften eine Bühne bietet". Das Interview mit Schwarzer, auf das wir gestern verwiesen haben, ist heute in der Zeit zu lesen.
Bestellen Sie bei eichendorff21!In der NZZ kommt der Historiker Hans Woller nochmal auf Thomas Manns Nachkriegsreise ins geteilte Deutschland zurück und lässt dabei erkennen, dass er von der filmischen Interpretation in Pawel Pawlikowskis "Vaterland" (unsere Resümees) wenig hält. Vor allem, weil im Film nicht herauskommt, dass Mann die DDR der BRD trotz Kenntnis der kommunistischen Verbrechen vorzog. "Offiziell um Äquidistanz zwischen Ost und West bemüht, gab Thomas Mann unter dem Druck der Medien häufig zu erkennen, dass ihm das 'rote' Deutschland sympathischer sei als die Bonner Republik, diese amerikanische Kolonie mit den alten Nazis auf ihren früheren Posten. Nach einigen ruppigen westlichen Pressekommentaren ließ er sich 1949 sogar zu dem ungeheuerlichen Satz hinreißen: Der 'autoritäre Volksstaat' der SED möge seine 'schaurigen Seiten' haben, eine Wohltat sei es aber, dass die Presse dort so in Zaum gehalten werde, dass Dummheit und Frechheit endlich einmal 'das Maul zu halten haben'."
In der Zeit erinnert Michael Thumann an den Aufstand in Ungarn 1956 gegen die kommunistische Diktatur Mátyás Rákosis. Angeführt wurde er - wenn auch anfangs etwas zögerlich, dann mit immer größerer Verve - von Imre Nagy, der einerseits für einen "demokratischen Sozialismus" stand, andererseits den Austritt aus dem Warschauer Pakt und die Neutralität des Landes im Kalten Krieg verkündete. Das ging sogar der amerikanischen Regierung zu weit: "Nagy stellt die Sowjetherrscher damit vor eine enorme Herausforderung - und sendet zugleich einen unmissverständlichen Hilferuf an die Vereinigten Staaten. Doch Washington schweigt. Die USA sind überrascht von der Dynamik der ungarischen Revolution und zugleich vollkommen abgelenkt. Denn im Nahen Osten ist Washington mit der Suezkrise beschäftigt ... Die Nachricht von den revolutionären Ereignissen in Ungarn erscheinen den USA dagegen wie eine Postkarte aus der europäischen Provinz. Außenminister John Foster Dulles hält nichts von der Idee einer ungarischen Neutralität. Stabilität geht über alles. Die Sowjets begreifen schnell, dass die Amerikaner in Ungarn nicht eingreifen werden."
In der FAZ ergänzt Hubertus Knabe die Geschichte des ungarischen Aufstands um eine Anekdote über die ungarische Botschaft in Ost-Berlin, die er dem inzwischen zugänglichen Archiv der kommunistischen Geheimpolizei entnommen hat.
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