Die Konjunktur überrascht, doch bei Menschen, Investitionen und Ideen hakt es. Was LBBW-Chefvolkswirt Moritz Kraemer Unternehmern auf Schloss Kapfenburg verrät.
Stand: 02.10.2026, 12:00 Uhr

Die Konjunktur überrascht, doch bei Menschen, Investitionen und Ideen hakt es. Was LBBW-Chefvolkswirt Moritz Kraemer Unternehmern auf Schloss Kapfenburg verrät.
Lauchheim. Die Deutschen sehen ihr Land düsterer als ihr eigenes Leben. Das zeigte der Ökonom Moritz Kraemer seinem Publikum auf Schloss Kapfenburg an einer Kurve. Fragt man nach der Lage Deutschlands, überwiegt das Negative deutlich. Fragt man nach der eigenen Lage, antwortet die Mehrheit positiv. "Wir müssen aufhören, immer das Glas halbleer zu reden. Vielleicht ist das Glas einfach nur doppelt so groß, als es sein müsste", so Kraemer.
Kraemer, Chefvolkswirt der LBBW, sprach beim Unternehmerforum der BW-Bank. Die Zahlen geben ihm recht. "Die Daten der letzten Wochen haben eigentlich alle positiv überrascht", sagte er. Die LBBW erwartet für dieses Jahr kalenderbereinigt 1,0 Prozent Wachstum, nach 0,4 Prozent im Vorjahr. Dann stellte er die Frage, auf die sein Vortrag zulief: Was können wir daraus selbst machen? Nach seiner Rechnung entscheiden drei Dinge: Menschen, Investitionen und Ideen.
Erstens: Es fehlen MenschenDem Land gehen die Arbeitskräfte aus. In den nächsten fünf Jahren verliert der deutsche Arbeitsmarkt 2,5 Millionen Beschäftigte, selbst bei einer angenommenen Nettozuwanderung von 300.000 Menschen pro Jahr. Gerechnet wird mit den Babyboomern, die in Rente gehen, und den jungen Menschen, die nachrücken.
Kraemer widersprach dem Vorwurf, die Deutschen seien faul. Ein Beschäftigter arbeitete 2024 in Deutschland im Schnitt 1331 Stunden, in Frankreich 1491. Der Grund liege in der Teilzeit: Unter Frauen mit Kindern ist der Anteil der Teilzeitkräfte in Deutschland um 35 Prozentpunkte höher als unter Frauen ohne Kinder, in Schweden um 5. "Wenn man keine Kinderbetreuung hat, muss man selber zu Hause bleiben oder Teilzeit arbeiten." Mehr Arbeitsstunden setzen also eine bessere Betreuung voraus.
Zweitens: Die Betriebe zögernDie Verbraucher kaufen wenig, und die Unternehmen investieren zurückhaltend. Sie warteten ab, "ob dieser Aufschwung wirklich Bestand hat", sagte Kraemer.
Hohe Auftragsbestände sichern die Arbeit von heute. Ob es morgen noch Arbeit gibt, entscheidet sich an den Investitionen von heute. Das gilt für jede Industrieregion, und die Ostalb ist eine.
Drittens: Ideen mit ZukunftHier liegt Kraemers größte Hoffnung, aber auch seine deutlichste Warnung. Baden-Württemberg gab 2023 pro Einwohner 3230 Euro für Forschung und Entwicklung aus. Im Bundesschnitt waren es nur 1588 Euro, nicht einmal die Hälfte. Der Euroraum kam 2024 auf 995 Euro. "Eigentlich können wir es. Wir sind total stark."
Doch die deutschen Unternehmen unter den 2500 forschungsstärksten der Welt stecken ihr Geld vor allem in Automobil, Maschinenbau und Chemie: 66 Milliarden Euro. In Software, Halbleiter und Biotechnologie flossen nur 37 Milliarden. Die amerikanischen Unternehmen der Liste gaben allein dafür 449 Milliarden Euro aus.
Als Beispiele für Technik von gestern nannte Kraemer die Einspritzpumpe für Dieselmotoren und das Spaltmaß, also die Frage, wie exakt Karosserieteile aneinanderpassen. "Das wird die Zukunft nicht entscheiden." Gegen Ende seines Vortrags sagte er: "Ich weiß nicht, wie die Zukunft aussieht, aber ich weiß, wie sie nicht aussieht. Sie sieht nicht aus wie ein Golf Diesel."
Was heißt das für Ostwürttemberg?Kraemer sprach über Deutschland, doch seine drei Fragen lassen sich an die Betriebe hier richten. Sie treffen eine Region, die vom Auto und vom Maschinenbau geprägt ist. Viele Zulieferer stecken mitten im Umbruch.
Finden die Betriebe die Leute, wenn der Arbeitsmarkt in fünf Jahren 2,5 Millionen Beschäftigte verliert? Investieren sie jetzt, solange die Aufträge da sind, oder warten sie ab? Und entwickeln sie, was künftig gefragt ist, oder verbessern sie, was gestern gefragt war?
Auf der dritten Frage liegt die Hoffnung. Hier sitzt auch das Photonik-Cluster Photonic Valley, zu dem Großkonzerne ebenso gehören wie kleine, hochinnovative Firmen. Auf die Photonik ging Kraemer nicht direkt ein. Sie ist aber mit der Halbleiterfertigung verwandt, einem der Felder, die er als Zukunft nannte.
Womit verdient die Region ihr Geld?Die Konjunktur läuft besser als erwartet, die Aufträge sind da. Kraemer forderte die Unternehmen auf, sich auf neue Technologien und Märkte einzulassen. Die Frage, die sein Vortrag aufwirft: Womit verdient die Region ihr Geld, wenn sich die Märkte verändern?
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