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Politiker erleben Probleme von Rolli-Fahrern am eigenen Leib: Perspektivenwechsel – unterwegs im Rollstuhl

Дата публикации: 14-10-2026 00:25:56




Wie schnell sich Haltung verändert, wenn man die Perspektive wechselt, zeigte sich bei einer nicht alltäglichen Rundfahrt durch die Zweibrücker Innenstadt. Vertreter der Stadtspitze hatten dafür in einem Rollstuhl Platz genommen. Schnell wurde klar, was Barrieren wirklich bedeuten.



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Politiker erleben Probleme von Rolli-Fahrern am eigenen Leib Perspektivenwechsel – unterwegs im Rollstuhl

Zweibrücken · Wie schnell sich Haltung verändert, wenn man die Perspektive wechselt, zeigte sich bei einer nicht alltäglichen Rundfahrt durch die Zweibrücker Innenstadt. Vertreter der Stadtspitze hatten dafür in einem Rollstuhl Platz genommen. Schnell wurde klar, was Barrieren wirklich bedeuten.

14.10.2026 , 02:25 Uhr

Die Hauptstraße war Schwerpunkt der von der selbst auf den Rollstuhl angewiesenen Uta Brocke (Mitte) initiierten Aktion, wo nicht gehbehinderten Zweibrücker Politikern wie Marold Wosnitza (links) und Norbert Pohlmann (rechts) Erfahrungen im Rollstuhl vermittelt wurden.

Die Hauptstraße war Schwerpunkt der von der selbst auf den Rollstuhl angewiesenen Uta Brocke (Mitte) initiierten Aktion, wo nicht gehbehinderten Zweibrücker Politikern wie Marold Wosnitza (links) und Norbert Pohlmann (rechts) Erfahrungen im Rollstuhl vermittelt wurden.

Foto: Elisabeth Heil

„Mensch, so viele Rollstühle, was ist denn hier los?“ Alma Feß ist verwundert. Die 95-Jährige ist gerade zum Einkaufen in der Stadt. Die rüstige Seniorin hat selbst einen Rollator und ihr Blick auf Gefährte dieser Art ist geschärft. Als sie erfährt, dass Uta Brocke vom Rolli-Stammtisch die Stadtspitze zum Selbsterfahrungstest eingeladen hat, ist sie begeistert: „Das ist ja eine tolle Aktion. Dann sehen die mal, wie schwierig das alles ist.“

Sie selbst fahre immer mit dem Bus in die Stadt, erzählt Feß. Viele Busse ließen sich an den Eingängen absenken. „Aber eben nicht alle – und schon hat man ein Problem.“

Holger Speer vom gleichnamigen Sanitätshaus hat Uta Brocke verschiedene Rollstühle zur Verfügung gestellt. Während Oberbürgermeister Marold Wosnitza (SPD), Bürgermeister Christian Gauf (CDU), Stadtrat Norbert Pohlmann (Die Grünen) und die Vorsitzende der Landesseniorenvertretung Gertrud Schanne-Raab die Selbsterfahrungs-Challenge wagen, begleiten UBZ-Chefin Nicole Hartfelder und ihr Kollege Steffen Mannschatz, der beim Umwelt- und Servicebetrieb Zweibrücken für die Straßen zuständig ist, die Gruppe zu Fuß.

Nach kurzem Ausprobieren von Bremse und Lenkung geht es auch schon los über das holprige Kopfsteinpflaster an die nahegelegene Schlossapotheke. Ein Reinkommen für Rollifahrer ist hier allerdings unmöglich. „Man muss sich irgendwie bemerkbar machen. Dann kommt ein Mitarbeiter raus, und nimmt das Rezept entgegen“, erklärt Toni Lutz. Er verrät, dass er an Muskelschwund leide und seit 2021 im Rollstuhl sitze.

Als die Gruppe zum Alexanderplatz weiterzieht, merkt man als ungeübter Rollstuhlfahrer, wie hoch eine unscheinbare Bordsteinkante sein kann. „Immer gerade runterfahren“, ruft Toni Lutz und empfiehlt beim Hochfahren die Rückwärtsvariante.

An einer Eisdiele in der Fußgängerzone bestellt Marold Wosnitza ein Eis. „Das finde ich wirklich toll, was sie da machen“, lobt die Eisverkäuferin und reicht ihm die Eiswaffel persönlich durch die Eingangstür.

„Gerade das Einkaufen ist für uns Rollifahrer nicht immer einfach“, betont Uta Brocke. „Weil uns die anderen Kunden in der Schlange gerne mal ignorieren, weil die Terminals für die EC-Karten zu hoch sind oder weil wir gar nicht erst in den Laden kommen.“

Bei einem Optiker startet Norbert Pohlmann den Selbstversuch. „Heute ist das Wetter gut und die Tür steht offen, das ist schon mal ein Vorteil“, sagt Brocke. Eine Mitarbeiterin kommt an den Eingang und fragt, ob sie eine Rampe holen soll. „Gerne“, so Pohlmann. Mit Unterstützung kann er die Rampe meistern, alleine wäre es unmöglich. Für den Rollstuhl von Gertrud Schanne-Raab ist die Rampe nicht passierbar. Dafür ist er zu breit. „Und meiner wäre zu schwer“, verdeutlicht Uta Brocke.

Unüberwindbar für den auf den Rollstuhl angewiesenen Toni Lutz: die Treppe vor dem Pfarramt in der Karlstraße.

Unüberwindbar für den auf den Rollstuhl angewiesenen Toni Lutz: die Treppe vor dem Pfarramt in der Karlstraße.

Foto: Elisabeth Heil

In einem Sanitätshaus testet die Gruppe eine weitere Rampe. Von den Verkäuferinnen erfahren die Teilnehmer, dass man im Rahmen eines Ladenchecks darüber nachdenkt, eine Klingel für Rollifahrer anzubringen. So könne sich jeder ganz einfach und schnell bemerkbar machen.

Eckhard Scholl, der seine Lebensgefährtin Sandra Frank, die im Rollstuhl sitzt, begleitet, hat noch eine Idee. „Man könnte Geschäfte, die eine Rampe haben, mit einem Rollstuhlsymbol versehen. „Gute Idee“, findet Oberbürgermeister Wosnitza und kündigt an, sich darum kümmern zu wollen.

Weiter geht es über die Poststraße/Ecke Musikhaus Müller zu den Behindertenparkplätzen vor dem Ärztehaus. Uta Brocke verweist hier auf eine weitere Schwierigkeit. „Nicht nur, dass hier gerne mal wie überall Unberechtigte parken, der Kofferraum grenzt direkt an die Straße. Wie will man da sicher einsteigen?“, fragt sie sich. „Meistens ist es zwischen den Autos so eng, dass man über die Straße muss, um die Fußgängerzone zu erreichen – über einen Bordstein, der nicht behindertenfreundlich ist“, kritisiert Brocke. „Der erste seitliche Parkplatz ein paar Meter weiter am Blumenladen wäre sicher besser geeignet“, schlägt sie vor.

Auf dem Bürgersteig in der Karlstraße, der zur Straße hin leicht abschüssig ist – was man übrigens als Fußgänger überhaupt nicht wahrnimmt – wird deutlich, wie schwer es ist, hier die Spur zu halten. Da nimmt man das Angebot, geschoben zu werden, gerne an.

„Geschoben zu werden ist nochmal was ganz anderes“, verweist Sandra Franke auf ein weiteres Problem der Rollifahrer: „Man ist quasi ausgeliefert“, weiß sie aus Erfahrung. Jeder, sowohl der Rollifahrer als auch die Person, die schiebt, habe ihre eigene Privatsphäre. „Das sollte man wissen und berücksichtigen“, erklärt Franke.

An vielen Geschäften in Zweibrücken ist man als Rollstuhlfahrer auf freundliche Helfer angewiesen. Hier bringt Bürgermeister Christian Gauf die Testperson Oberbürgermeister Marold Wosnitza über die Barriere.

An vielen Geschäften in Zweibrücken ist man als Rollstuhlfahrer auf freundliche Helfer angewiesen. Hier bringt Bürgermeister Christian Gauf die Testperson Oberbürgermeister Marold Wosnitza über die Barriere.

Foto: Elisabeth Heil

Uta Brocke erinnert bei der Gelegenheit an die sogenannte Wheel-Map, eine Karte für rollstuhlgerechte Orte, in die jeder Infos einspeisen könne. Marold Wosnitza möchte die Karte nun in die Stadtseite zweibruecken.de integrieren.

„Für uns ist es natürlich eine große Ehre, dass Sie sich an einem Samstagvormittag darauf einlassen, in einem Rollstuhl die Innenstadt zu erleben. Hut ab, dass Sie das mitmachen“, würdigt Uta Brocke den Einsatz der Stadtoberen. „Für uns ist das ja ganz normal“, betont sie und verrät, dass sie erst seit sechs Jahren im Rollstuhl sitze. „Von daher kenne ich beide Perspektiven sehr gut.“

Natürlich habe sie größtes Verständnis dafür, dass man nicht wissen könne, wie hoch ein Bordstein für Rollstuhlfahrer sein könne, wo Eingänge von Geschäften und Restaurants barrierefrei seien und wo nicht. „Man kann es nicht wissen, weil man nicht darauf achtet. Man erfährt es tatsächlich erst, wenn man mal selbst im Rolli sitzt.“

Doch selbst dann sei der Eindruck immer noch ein anderer. „Man darf nicht vergessen, dass wir ja auch noch eine Behinderung haben, die uns einschränkt. Für uns rumpelt es nochmal mehr durch. Das sollte man beachten.“

Uta Brocke erinnert an einen Antrag der Rollis im Zweibrücker Stadtrat: „Wir setzen uns für eine barrierefreie Fußgängerzone ein – für sogenannte Aufpflasterungen längs zu den Gebäuden, die Menschen im Rollstuhl, mit Rollator oder Kinderwagen das Leben erleichtern. Die Holländer sind hier Vorreiter. Da ist das ganz normal.“ Das Problem mit den Rampen sei nämlich, dass sie für große, schwere Rollstühle nicht nur nicht zugelassen, sondern auch gar nicht passierbar seien. „Aufpflasterungen sind hier die bessere Lösung. Ich könnte mir zur Finanzierung eine Spendenaktion über „ZW-vernetzt“ vorstellen. Dabei rechne ich mit rund 3.000 Euro pro Aufpflasterung.“

An eine Spendenlösung denkt Marold Wosnitza eher nicht: „Die Vermaßung der Fußgängerzone ist abgeschlossen, wir wissen also ganz genau, wo welche Höhen zu überwinden sind, die Zahlen haben wir. Über den sogenannten Fußgängercheck haben wir vor einiger Zeit schon eine ganze Reihe von Hürden überwunden. Wenn wir nun einen Weg finden, das technisch umzusetzen, Herr Mannschatz ist ja deswegen heute auch dabei, dann ist das keine Frage der Finanzierung über Spenden“, versichert der Oberbürgermeister und erläutert: „Wenn es notwendig ist, dann setzen wir das auch so um. Die Finanzierung könnte über das Sondervermögen Infrastruktur erfolgen, und ich denke und hoffe, dass die meisten Stadtratsmitglieder dies auch unterstützen würden.“

Auch an der Ecke Poststraße/Karlstraße wurden  Probleme aufgezeigt.

Auch an der Ecke Poststraße/Karlstraße wurden Probleme aufgezeigt.

Foto: Elisabeth Heil

Grünen-Fraktionschef Pohlmann zum Beispiel wäre schonmal dabei: „Die grundsätzlichen Probleme sind ja jedem bewusst. Es gibt Barrieren, Stufen, Engstellen und wirklich schwierige Situationen, wo man mit dem Rollstuhl nicht reinkommt. Aber es ist ein Unterschied, ob man es nur grundsätzlich weiß, weil es einem gesagt wurde, oder ob man sich mal selbst in den Rollstuhl setzt. Dann merkt man erstmal, wie schwierig es ist, eine Rampe hochzufahren, auf einem unebenen Wegebelag zu fahren und wie schwer es ist, wenn ein Bürgersteig nur minimal abschüssig ist und man permanent gegensteuern muss. Das ist schon kräftezehrend.“ Pohlmann bilanziert: „Diese Ausfahrt hat dazu beigetragen, eine andere Perspektive einzunehmen und sich dabei die Probleme sehr unmittelbar bewusst zu machen.“

Pohlmann glaubt zwar nicht daran, dass es möglich ist, alle Barrieren auf einen Schlag zu beseitigen. Er ist aber überzeugt, dass die Aktion ein Umdenken angestoßen hat. „Sie wird dazu beitragen, dass sich die Teilnehmer sehr konkret Gedanken darüber machen, was möglich und umsetzbar ist.“

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